Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  20.1.2018 · 15:56 Uhr
   
Predigten
 
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22. Sonntag nach Trinitatis, 1.11.2015, 11.00 1. Johannes 2,9–17
Widerspruch
Liebe Schwestern und Brüder,
9 Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.
10 Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall.
11 Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.
12 Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.
13 Ich schreibe euch Vätern; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden.
14 Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden.
15 Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.
16 Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.
17 Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.
  1. Johannes 2
der heutige Predigttext ist einer der Texte, die mich schon beim Lesen verunsichern. Wie werde ich über ihn sprechen, was werde ich dazu zu sagen haben. Natürlich, diese Fragen stellen sich bei jeder Predigt und bei jeder Ansprache. Doch bei manchen Texten empfinde ich bereits beim ersten Lesen einen so großen Widerstand, dass ich gänzlich verunsichert bin, was ich dazu sagen soll. Heute habe ich mich dazu entschieden, genau darüber zu sprechen:
Über den Widerstand zu biblischen Texten.
Darf man sich als Christ gegen sie stellen? Oder sagt der Widerstand mehr über einen selbst als über das, was uns die Bibel sagt? Anders ausgedrückt: Sind die biblischen Texte Dokumente ihrer Zeit – mit allem, was dazu gehört? Dann könnte man die Dinge in unserer Zeit durchaus anders sehen und beurteilen. Oder handelt es sich um die Stimme Gottes, die auch in den Briefen der unterschiedlichen Autoren Eingang gefunden hat? Wenn ja, spricht Gott in eine bestimmte Zeit hinein sein Wort oder hat es auch heute noch Gültigkeit? Ist Gottes Wort zeitlos oder hat Gott für jede Zeit eine neue Botschaft?
An diesen Fragen entscheidet sich für viele Menschen ihr Verhältnis zum Glauben und zur Kirche. Für mache sind die Aussagen der Bibel zu einem großen Teil veraltet und damit nicht mehr gültig. Sie können nichts mehr damit anfangen. Im Übrigen ist das keineswegs eine neue, eine moderne Frage. Gestern haben wir das Reformationsfest in Erinnerung an den Thesenanschlag Luthers an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg gefeiert. Das Hauptwerk Luthers war neben der scharfen Kritik am Ablasswesen die Förderung der Bildung. Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon hat er die Bibel ins Deutsche übersetzt. Er hat dies ausdrücklich so getan, dass die Leser verstehen, was der Urtext (sei er Hebräisch, sei er Griechisch) meint. Mit Absicht hat er keine wörtliche Übertragung verfasst. Verstehen ging ihm über übersetzerische Korrektheit. In der Auseinandersetzung mit der damaligen Kirche hat Luther die Schrift in die Mitte gerückt. Sie war für ihn die einzige Autorität, der sich kein Papst und kein Konzil entgegenstellen konnten. Das letzte Wort also hatte die Bibel – das letzte Wort war Gottes Wort. Das galt für Luther über alle Zeiten hinweg.
Zugleich aber war er durch und durch Pragmatiker. Auf die Frage wie oft ein Paar miteinander schlafen sollte antwortete er: zweimal in der Woche sei gut. Der entlaufene Mönch, der eine dem Kloster entflohene Nonne geheiratet hatte und sowohl dem guten Essen als auch dem köstlichen Bier nicht abgeneigt war, war alles andere als weltabgewandt. Die fleischlichen Lüste aller Art kannte er sehr wohl und war ihnen nicht abgeneigt. Einerseits propagierte der Reformator die Schrift als Maßstab allen christlichen Lebens, andererseits ließ er nicht die menschliche Erfahrung außer Acht. Wo der 1. Johannesbrief die fleischliche Lust ablehnt und quasi ein monastisches Leben hinter Klostermauern gutheißt, verlässt Luther eben diese Mauern und wendet sich der Lust zu. Seine Argumente sind dabei weniger biblisch als vielmehr menschlicher Natur. Wer in der Woche zweimal Verkehr mit dem Partner hat, der oder die ist viel weniger gefährdet, jemand anderem nachzuschauen und nachzulaufen. Biblisch ist diese Argumentation insofern, als dass es Luther um den Erhalt der Ehe und um die Treue zum Partner geht. Was allerdings die Frage der Lust anbelangt, wendet er sich deutlich ab von dem, was der 1. Johannesbrief schreibt. Luther scheint uns auch heute noch eine Tür zu weisen im Umgang mit biblischen Texten.
Die Eingangsfrage aufnehmend, wie wir mit biblischen Texten umzugehen habe, bietet Luther immerhin eine Antwort: Es gilt das, was Christum treibet, was also der Botschaft Jesu entspricht. Für Luther gab es durchaus eine Rangfolge der biblischen Texte und am liebsten hätte er einige von ihnen aus dem Kanon der Schriften entfernt. Für ihn waren die neutestamentlichen Texte nicht gleichwertig. Manche, wie z.B. den Jakobusbrief, empfand er sogar in die Irre führend. Für ihn galt also neben dem sola scriptura das Prinzip Christi. Was nicht konform war mit der Botschaft Christi – mag es in der Bibel stehen oder nicht – hatte für ihn keinen Wert. Seit Luther hat sich einiges in unserer Welt getan. Damit stellt sich die Frage nach der Autorität der Bibel erneut. Wahrscheinlich ganz anders als zu ihrer Entstehung und anders als bei Luther. Daher muss jeder für sich eine eigene Position zu dem finden, was für ihn die Bibel ist und bedeutet. Daraus ergibt sich ihre Autorität, ergibt sich ihre Relevanz für den Glauben und die eigene Lebensführung. Mit der Suche nach Antworten stehen wir mitten drin in der reformatorischen Tradition. Unser heutiger Predigttext ist ein gutes Beispiel dafür. Der Johannesbrief ruft unmissverständlich dazu auf, dass der Glaube an Christus eine Erkennbarkeit im Leben haben muss. Wer das Wort Jesu von der Nachfolge ernst nimmt, der wird quasi automatisch den Bruder, die Schwester in Christo lieben. Denn das geht für ihn nicht: Im Lichte sein zu wollen – auf der richtigen Seite stehen zu wollen, bei den Guten sein zu wollen – und dann nicht entsprechend zu handeln. Mir leuchtet diese Argumentation unmittelbar ein. Auch dann, wenn die Umsetzung dieser Liebe zu den Menschen bei mir an vielen Stellen auf Schwierigkeiten stößt. Nachfolge Jesu hat Konsequenzen – manchmal auch welche, die mir nicht so gefallen.
Haben Sie gemerkt, was ich gerade gemacht habe? Ich habe einen biblischen Text daran gemessen, ob er mir einleuchtet, ob er mir verständlich, ob er mir evident erscheint. Das Kriterium im Umgang mit der Bibel ist dabei meine persönliche Einsicht. Nicht weil es da so steht, muss es auch so sein und muss ich es auch so machen! Vielmehr will ich den Nächsten lieben, weil ich es für richtig halte, weil ich es für mich übernehmen kann. Dass es aber im selben Text einen Teil gibt, der mir ganz und gar nicht einleuchtet, das haben Sie auch schon gehört. Wenn jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.
In der Vorbereitung auf die Predigt habe ich die unterschiedlichsten Interpretationen gelesen. Die Regel ist eine Relativierung nach dem Motto: So streng ist die Abwendung von der Welt doch gar nicht gemeint. Eigentlich will uns diese Passage nur darauf aufmerksam machen, dass wir es nicht übertreiben sollen mit der Lust an etwas und dem Liebhaben von dem, was uns die Welt zu bieten hat. Dieser Gedanke ist mir zweifellos sympathisch. Aber lesen kann ich das im Text nicht. Ich lese viel mehr den Aufruf, dass ein guter Christ sich auf sein Glaubensleben zurückzuziehen hat und seine eigenen Gefühle, Triebe und menschlichen Bedürfnisse wenn nicht vernichten so doch übergehen soll. Das halte ich im höchsten Maße für schädlich. Sich selbst zu übergehen, das macht krank. Außerdem bedeutet eine Abkehr von der Welt eine Abkehr von der Schöpfung Gottes. Ein Verzicht auf Lust am Leben ist eine Missachtung der guten Gaben Gottes. Ein Verleugnen der Sexualität ist ein Ungehorsam gegen den Auftrag Gottes: Seid fruchtbar und mehret euch. Die Lieblosigkeit gegenüber allem Weltlichen ist ein Desinteresse an Wissenschaft, Kunst und Kultur. Wären die Menschen dem Aufruf des Johannesbriefes gefolgt, würden wir heute leben wie die Menschen im Jahre 100 nach der Zeitenwende. Für mich weist der Brief durchaus auf einige kritische Punkte unseres Lebens hin. In seiner massiven Abwertung alles Irdischen, wird er aber selbst zu einem Brief der Lieblosigkeit. Und doch: es ist ein Text, der in der Bibel steht. Ist er damit gottgewollt, Wort Gottes? Oder ist er die Meinung und Sicht eines Einzelnen, die es in den Kanon der biblischen Schriften geschafft hat. Müssen wir also allem Weltlichen absagen, weil Gott es von uns fordert. Oder können wir getrost eine eigne Meinung dazu haben, die mit Fug und Recht der eines gewissen Johannes entgegen steht? Dürfen wir also einem biblischen Text widersprechen? Wenn ja: Gilt dieser Widerspruch dann für alle anderen biblischen Texte ebenso, z.B. auch für die Zehn Gebote? Oder können wir auswählen, welchen Worten wir bedingungslos zu folgen haben und welchen nicht? Welche Kriterien legen wir dabei an, damit unsere Wahl nicht willkürlich wird?
Die Fragen der Reformation bleiben auch weiterhin unsere Fragen. Ja, sie stellen sich heute vielleicht sogar noch verschärfter. Die Antworten der Reformation bleiben aber auch:. Was den Geist Christi atmet, das behaltet. Mit allem anderen seid vorsichtig.
Amen
Pfarrer Horst Leckner