Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  21.9.2018 · 23:33 Uhr
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Predigten
 
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6. Sonntag nach Trinitatis, 27.7.2014, 11.00 1. Petrusbrief 2,1–10
Ihr Heiligen
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Wie ist gegen den Zug zum Aufgeben anzukommen, liebe Gemeinde hier in der Heimat? Wie den Resignierenden Mut zu machen, woher Kraft für Hilflose, Entschlossenheit für jene, die sich dem Gefühl der Gleichgültigkeit beugen wollen?
Das aller erste Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ist schon alt geworden, der Glaube in der dritten Generation, aber immer noch keine Gewöhnung: Im Gegenteil: die Verbreitung sorgt dafür, dass Kirche ein ernstzunehmendes Phänomen wird. Es gibt Gegenwind, und wo man vorher nur verwundert die Augenbrauen hochzog, wird jetzt zur Tat geschritten: Verachtung, Spott, Hohn und womöglich auch richtige Ausgrenzung. Und damit die Frage bei den Dazugehörigen: Warum tue ich mir das an? Was bringt es dazuzugehören? Wozu? Die Antwort, bevor die Frage überhaupt laut gestellt wird: Die Tür hinter sich zu und nach Hause gehen. Das war’s dann, eine nette Idee. Lass gut sein! Die Dazugekommenen, die immer wieder zu spüren bekamen, sie seien hier bestenfalls geduldet, sie bleiben die Fremdlinge, misstrauisch beäugt und gelegentlich ein Tritt vors Schienbein, verlassen das angeschlagene Schiff im Wind – den Wellen mit trotzen, dem aufziehenden Sturm ins Auge sehen – in der zweiten Reihe, das ist nicht ihr Ding.
Nicht neu, solche Fragen, fällt da am Schreibtisch auf, wer immer daran sitzt und sich in der Nachfolge des großen Petrus sieht: Schon in der alten Bibel, gleich am Anfang, als es alles losging mit Gott und seinem Volk stellt sich genau diese Frage: Wozu? Ein Volk kreuz und quer durch die Wüste schicken, große Versprechungen immer wieder – doch nicht zur Beglückung von ein paar ganz netten Menschen, für Gott reserviert, eingeladen zu den Ausgabestellen von Milch und Honig und Argusaugen über deren Handel und Wandel. „Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern, … ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ liest er (2. Mose 19,5b.6a). Große Worte, hehre Ansprüche – das schreibe ich denen.
Und damit sind wir im ersten Petrusbrief und mit ihm in seinem 2. Kapitel:
1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede
2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil,
3 da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.
4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar.
5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«
7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist,
8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.
9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;
10 die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25).
Hilft das gegen all die bohrenden Fragen? Hilft das denen, die schon im Gehen sind, in der Tür stehen, die Außenklinke in der Hand? Zumindest ist der Brief ein Signal: Ihr seid uns nicht egal! Ein deutliches Signal: Ihr seid nicht nur uns nicht egal, sondern Gott selbst ist an euch gelegen! Ihr gehört dazu, nicht als zahlende Mitglieder in einem Verein, sondern: Das ist hier ein ambitioniertes Unternehmen, ihr könnt stolz darauf sein dazuzugehören. Es ist eine große, eine lohnende Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben. Sicher, man könnte es einfach anderen überlassen auf die Gefahr hin, dass diese es mehr schlecht als recht machen, irgendwie. Aber eigentlich geht es nicht ohne euch, ohne all die besonderen Gaben, die ihr einzubringen habt, ohne euren Blick auf die Dinge, eure Gesichtspunkte. Wir sind nicht mehr die, die wir sein sollten, ohne euch. Ihr könnt nicht nach Hause gehen, bitte bleibt! Bleibt um der großen Hoffnung willen, für die wir als Gemeinde stehen, bleibt um Gottes willen dabei – kommt in die erste Reihe! Auf euch kommt es an! Auf euch viel mehr noch als auf uns.
Es ist diese Aufgabe, es ist diese unsere Hoffnung selbst, die für den Gegenwind sorgt: Natürlich sind wir eine Störung. Natürlich ist es so, dass dieser Aufbruch Fragen stellt, verunsichert, dass er Abwehrbewegungen hervorruft. Wie könnte es anders sein? Man kommt doch nicht einfach so vorbei. Ein Neuanfang, eine Neuerfindung des Lebens und dessen, was es trägt, was es ausmacht, kann doch nicht gleichgültig lassen: das wird wahrgenommen. Da prallen Lebensentwürfe aufeinander, da wird aus der Ruhe des Selbstverständlichen aufgeschreckt: Wenn jemand etwas anders macht, wird das Gewöhnliche in Frage gestellt. Es ist doch alles kein Wunder: Man muss doch über euch stolpern! Ihr seid doch nicht zu übersehen: Man nimmt euch wahr, man setzt sich mit euch auseinander. Zeigt euer Gesicht, haltet es in den Wind: Ihr seid doch wer! Nein, nicht klein beigeben, wegducken, nicht verunsichern lassen und aufgeben: Flagge zeigen! Seid euch eurer Mission bewusst.
Denn genau dazu seid ihr – sind wir alle da: Im Namen Gottes, als seine Vertreter im Gemenge des irdischen Getriebes Zeichen zu setzen: Zeichen seiner Gegenwart, Zeichen seiner Freiheit. Damit nicht alles so weiter geht, damit gegen das Gewöhnliche Einspruch eingelegt wird, damit Menschen zu Besinnung kommen. Was machen wir da eigentlich? Damit eben nicht jedes Mittel irgendwie recht ist und der Zweck die Mittel heiligt – was für Zwecke eigentlich? Damit nicht einfach die Erfolgreichen am Ende Geschichte machen, als ob es nicht um Sinn und Hoffnung, sondern um Aufmerksamkeit um jeden Preis ginge. Zeichen, dass es auch anders geht unter Menschen: Hinterlist darf nicht das Feld beherrschen, Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid und üble Nachrede – dabei darf es nicht bleiben, dem darf nicht Raum gegeben werden und schon gar nicht die Ehre der Kapitulation. Als ob dieser Möchtegernpetrus hier gewesen ist – aber offenbar sind die Menschen so, damals wie heute, es hat sich nicht so viel geändert.
Niemand setzt Zeichen für Neues mit den Mitteln des Alten! Wenn eine Flasche hochgehalten wird mit einem vielversprechenden Etikett, dann möchte in der Flasche auch sein, was draufsteht. Niemand kann königliche Priesterschaft sein, heiliges Volk, mit absolut unheiligen Methoden. Niemand kann geistliches Haus aus lebendigen Steinen sein, der den Grundstein, dem sich alles verdankt, der dem Haus Halt gibt, praktisch Lügen straft: Es heiligt auch hier nicht der Zweck die Mittel! Das sollt ihr wissen: Es ist nicht einfach beliebig, was ihr ausstrahlt, was ihr zu sehen gebt, was an euch wahrzunehmen ist. Zeichen setzen, überzeugen, einladen zumindest zum Nachdenken könnt ihr nur, wenn ihr selbst zu spüren, zu erleben gebt, was ihr fordert.
Hilft es euch in diesem Zusammenhang zu wissen, wer ihr seid, wozu ihr berufen seid, was eure Mission ist? Der Möchtegernpetrus schwelgt in alten Bildern – kühn nimmt er die Alte Bibel für die neue Kirche in Anspruch: Gottes Volk mit der großen Aufgabe, für ihn einzustehen, in seinem Namen sich einzumischen ins Getriebe! Es ist klar: Gemeinde so verstanden hat Folgen nach innen, es müsste einfach stimmen. Im letzten Satz – die Bibelleser verstehen die Anspielung, die Erinnerung an den alten Propheten Hosea: Verheiratet mit einer Frau, die eigentlich eine Hure ist, als Zeichen für Gottes liebendes Leiden. Die Kinder bekommen programmatische Namen: Lo-Ammi = nicht mein Volk, Lo-Ruchama = Unbegnadete. Als Zeichen, als Fanal des göttlichen Schmerzes – Die armen Kinder. Es muss die Frage wach gehalten werden, ob wir dem überhaupt entsprechen, was wir fordern. Also gelegentlich nachschauen, gelegentlich auch wieder hören!
Aber Gemeinde so wahrgenommen kann sich erst einmal an dem aufrichten, was sie ist: Gemeinschaft der Heiligen. Das ist die Methode Gottes, sein Weg zu uns: Nicht etwas Heiliges setzen, keine Präsenz in irgendwelchen Dingen, sondern geheiligte Menschen auf den Weg schicken. Ihr seid – wir sind als Gemeinde Jesu Christi Statthalter Gottes auf Erden: Unter dem machen wir es nicht. Und: Keine hervorgehobenen Personen unter uns und der Rest Fußvolk und Hilfskräfte, sondern: Wir alle sind da gleichermaßen einbezogen. Es gibt da keine erste und dann womöglich auch noch zweite Reihe, es gibt da keine Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen, die genau zu unterscheiden wären an Gewichtigkeit und Würdigung, es gibt da nur die Gemeinschaft aller Heiligen, bestenfalls praktische Aufgabenteilungen, mehr nie wirklich. Es gibt da tatsächlich nur das „Priestertum aller Gläubigen“, die eine große, gemeinsame Aufgabe. Diese Aufgabe, am großen Werk Gottes an dieser Welt beteiligt zu werden, macht unsere Würde aus: Zeichen zu setzen, Spuren zu legen dafür, dass es auch anders geht: heilig!
Und das, liebe Heimatgemeinde, ist die große mutmachende Aufgabe: Diese Würde zu wahren, diese große Würdigung auszusprechen, hinauszutragen, glaub-würdig! Gotteswürde, die die Menschenwürde einschließt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der hinausgeht über das, was Menschen einander sein können und deshalb immer wieder Maßstäbe setzt, der Friede Gottes, dem wir uns verdanken in allem, was wir sind und was wir tun – der Friede Gottes bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
Pfarrer Hartmut Scheel