Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  20.1.2018 · 15:58 Uhr
   
Predigten
 
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Judika, 6.4.2014, 11.00 Hebräer 13,12–14
vor das Tor
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
In einer Nussschale über das Meer, Wind und Wellen ausgeliefert, keine Küstenlinie am Horizont, das Auf und Ab durch die Wellen einen ganzen Tag lang, die Schräglage des Bootes, es wird kalt, die Mühe des Mannes am Ruder, den Kurs zu halten, spät am Nachmittag erst die Skyline der Stadt am Horizont, es ist schon Abend, als endlich der schützende Hafen erreicht ist, das Boot sich hinter der schützenden Mole aufrichtet und in ruhigem Fahrwasser zum Liegeplatz schippert. Man muss das einmal miterlebt haben, was das heißt: Endlich nach einem rauen Tag auf See den Hafen zu erreichen, anzukommen, endlich etwas essen zu können, wieder stehen. Das Boot – so heißt es, so ist es – fühle sich im Hafen am wohlsten. Es ist aber nicht dafür gemacht worden.
Ein kleines Stück aus dem Schlusskapitel des Hebräerbriefes, dem 13., das Ihnen sicher bekannt vorkommt:
12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
  Hebräer 13
Wo gehöre ich hin, bin ich zu Hause? Wohin kann ich immer zurückkehren? Wo kann ich bleiben? Es ist ein Grundimpuls des Menschseins: Sich seinen Platz zu suchen, möglichst zu finden in der Gruppe, unter Menschen, einen Ort haben, an den ich gehöre, wo ich dazugehöre. Ein Heim, eine Heimat. Eine Familie, auch ein Geflecht von Beziehungen – meins. Schon eine Schulklasse, ein Haus gemeinsamer Arbeit, wo ich einen wichtigen Platz einnehme, eine Schulter zum Anlehnen, zum Weinen, Ohren, die warten, offene Arme: Ich werde gebraucht.
Erzähle niemand, es sei die Einsamkeit, das Für-Sich-Sein, das Gerade-Stehen sein eigenes Ding. Der Held ist nichts ohne seinen Rückzugsort, wir brauchen Bezugspunkte, jeder und jede. Den Hafen zum Ankommen, zum Durchatmen, zum Auftanken. Der Weg durch Sturm und Wellen und die Länge, der Kampf mit den Widrigkeiten des Lebens, der Wind im Gesicht: Das alles ist nicht Heimat, nicht Da-Sein-Dürfen und Bleiben-Können. Ein Hafen für die Seele und manchmal auch für den Leib ist Ausgangspunkt immer wieder und immer Ziel des Lebens. Eine bleibende Stadt – ein sicherer Ort, Zufluchtspunkt, Sehnsuchtsziel. Wurzeln, Heimat, Zuhause. Hier.
Insofern kann das Bibelzitat, das 2013 Jahreslosung war, ernst genommen, eigentlich nur erschrecken: Kein Hafen, und was wir dafür hielten, wird uns verwehrt, soll – darf nicht sein, sondern: Geworfen-Sein. Das Leben findet draußen statt, nicht zu Hause, nicht die Heimat ist es, sondern im Heraustreten besteht das Leben. Den Stürmen des Lebens die Stirn zu bieten, nicht den Kopf einziehen. Herausforderung zum Hinaustreten, nicht die Einladung zum Bleiben. Nicht ein Hafen für die Seele: Keine bleibende Stadt! Der Schritt ins Ungeborgene draußen vor dem Tor. Ausgeliefert im Zweifelsfall: Im Normalfall und tagsüber Zutritt zur Stadt, zum Markt, zu den Geschäften und Begegnungen. Wenn aber aus Sicherheitsgründen die Tore geschlossen werden: Draußen vor der Tür – nicht zufällig ein berühmter Buchtitel. Und die Generation unserer Eltern noch kann Lieder davon singen, was es heißt, wenn die Heimat genommen wird. Draußen zu sein. Ungebetener Gast bestenfalls. Wie gut, dass es das so jetzt nicht mehr gibt – für uns. Und umso eindringlicher wird das Schicksal all derer empfunden, die auch im 21. Jahrhundert, im 3. Jahrtausend nach Christus, auf der Flucht sind, vertrieben von Not und Krieg, auf der Suche nach dem Ausweg aus der Unerträglichkeit, mit der großen Sehnsucht nach einer Bleibe, einen Ort zum leben.
Auf der anderen Seite: Es gehört dazu. Das Leben besteht nicht im Bleiben, Menschen sind keine Stubenhocker, Schiffe werden nicht gebaut, um den Hafen zu füllen und zu schmücken. Irgendwann lässt das Kind die führende Hand der Eltern los, sucht sich eigene Pfade, tritt vor die Tür, lässt das schützende Tor hinter sich: ein bisschen Neugier, Abenteuerlust. Aber dann auch das Wissen: Das hier, mein Zuhause, ist keine bleibende Stadt, ich muss mir Eigenes suchen, aufbauen. Es ist wichtig, zurückkehren zu dürfen, einen Heimathafen zu haben, aber ich gehöre auf die See hinaus, zwischen Wind und Wellen, und am Ziel wird ein neuer, ein anderer Hafen auf mich warten. Das Leben ist kein Sandkastenspiel. Es findet draußen vor dem Tor statt, außerhalb des Lagers. Das Leben hat keine Heimat, und was wir davon haben, wird preisgegeben werden müssen. Es bleibt uns nichts, und je mehr wir festhalten wollen, umso mehr fließt es uns davon.
Es wäre jetzt interessant, die ganzen Versuche des Festhaltens, die ganze Verzweiflung nachzuzeichnen auf der Suche nach der bleibenden Stadt. Eine Gesellschaft zu beschreiben, die genau das will: Sich die bleibende Stadt zu bauen. All die Verirrungen, das andere und sich selbst Betrügen. Die Folgen der Illusion eines Bleiben-Könnens. Kein Wagnis, ängstlich das Tor vermeiden, den Schritt ins Ungebahnte, ins Offene hinaus. Das Beharren. Das Leben als Festhalten-Wollen all dessen, was uns entgleitet, was nicht wirklich zu halten ist. Die Beute sichern. Es klappt nicht.
Der christliche Glaube ist die Einladung nach draußen: Den Wind um die Nase wehen lassen. Kein gemachtes Nest. Den Stürmen die Stirn bieten. Kein sicherer Hafen. Sich auf den Weg machen, herausgehen. Kein Bleiben, keine Heimat. Das Vorbild in der Passionszeit allemal: Jesus. Draußen vor dem Tor, Wind und Wellen ausgesetzt. Wir wissen, wie das ausgegangen ist. Eine Warnung an alle? Eigentlich keine Einladung, höchsten im Sinne einer Solidarisierung: Er hat getan, was wir hätten tun müssen, hat ausgehalten, erlitten, ertragen am eigenen Leibe, was wir anrichten, da kann niemand unbeteiligt bleiben: Leiden wir doch mit ihm! Und genau dies haben dann Generationen von Christen getan, höchst respektabel, bis hin zu Mutter Theresa.
Aber wir wissen noch mehr darüber, wie das ausgegangen ist, draußen vor dem Tor: Ostern. Das Sich-Aussetzen, das Aushalten da draußen wird geadelt: Die zukünftige Stadt. Eine Stadt, die uns wirklich bleibt, ein Auffangbecken, ein Heimathafen. Der historische Hintergrund des Hebräerbriefes: Jerusalem, die ewige Stadt damals, war untergegangen, mit ihr alles, was Halt gab – über Jahrhunderte. Draußen auf dem Meer ohne Hafen, heimatlos – wohin? Wie MH370 mit seinen 239 Menschen an Bord auf dem weiten Weg ins Nichts, ohne Rückkehr, keine Chance im weiten Meer eine Landemöglichkeit zu finden und eigentlich soll keine Spur nirgends mehr zu finden sein. Es ist die zukünftige Stadt, die an den Horizont gemalt wird, nicht zufällig, nicht als Illusion, letzter Halt irgendwie, sondern im Namen Gottes, der wie ihn damals auf Golgatha so auch uns jetzt nicht im Stich lässt, sondern auffängt – und mehr als nur auffängt. Kein Ort nirgends – ja, so ist es – aber die Arme Gottes. Nichts Bleibendes – aber diese zukünftige Stadt. Kein Ziel vor Augen – aber zu ihm kommen, bei ihm bleiben zu können. Keine Rückfahrkarte – aber die werden wir auch nicht brauchen.
Das große Wagnis des Hinausgehens, des Los- und Hintersich-Lassens, macht seitdem die Kraft des christlichen Glaubens aus. Nicht die Verzweiflung des Festhalten-Wollens an dem, was doch nicht bleibt, gar nicht bleiben kann, sondern die unbeschreibliche Zuversicht, einen Ort zu finden. Nicht nur zu finden, sondern erreichen zu können, mehr noch: Ihn schon zu sehen, vor Augen zu haben, greifbar, die zukünftige Stadt, den Ort, an den wir wirklich gehören. Die große Kraft, weil wir nicht sinnlos kämpfen müssen, den Pudding an die Wand nageln, was ja nicht geht, festhalten, was nicht zu halten ist, endgültig zu machen, für endgültig zu halten, was doch nur Schall und Rauch ist, nicht bleibt: Unsere ganzen höchst vorläufigen Siege. Es ist befreiend, Vorläufiges auch vorläufig nennen zu können. Es ist befreiend, vorletzte Dinge auch solche bleiben lassen zu dürfen, ihnen nicht Letztgültigkeit beimessen zu müssen. In dieser Freiheit, da draußen Dinge beim Namen nennen zu können, ohne dass eine Welt zusammenbricht, die einfach nicht zusammenbrechen darf, weil wir das nicht aushalten. Wer eine zukünftige Stadt hat, kann Gegenwärtiges getrost loslassen. Der Schrecken wird relativ. Wer weiß, wo es hingeht, kann gelassen hinausgehen, den Wellen trotzen statt in Angst und Panik zu geraten. Weil wir eine zukünftige Stadt vor Augen haben, können wir mit der Gegenwart ganz anders umgehen.
In diese große Freiheit lädt der Hebräerbrief ein, lädt Gott ein: Hinaus vor das Tor, ins Leben. Mit großer Zuversicht, mit dem Blick auf die zukünftige Stadt. Deshalb sind wir Gemeinde. Deshalb heißen wir eben nicht „Heimatgemeinde“, sondern Gemeinde zur Heimat. Amen
Pfarrer Hartmut Scheel