Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  21.9.2018 · 23:37 Uhr
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Predigten
 
07.08.2011 30.10.2011 08.01.2012 19.02.2012 06.04.2012 15.04.2012 27.05.2012 12.08.2012 04.11.2012 24.12.2012 31.12.2012 13.01.2013 03.03.2013 11.08.2013 06.04.2014 13.04.2014 09.05.2014 25.05.2014 27.07.2014 12.10.2014 14.12.2014 28.12.2014 04.01.2015 01.03.2015 29.03.2015 01.11.2015 20.11.2016
Okuli, 3.3.2013, 11.00 Jeremia 20,7–18
es kostet
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Der Glaube an Gott ist keine Wohlfühloase, liebe Gemeinde, kein Ort der Friedlichkeit und des Heilwerdens, keine Tankstelle für angeschlagene Seelen. Hier wird nicht Einverständnis ausgegossen und hergestellt, allem Zorn die Luft genommen und über alles Leiden eine Soße der Stimmigkeit verteilt, Fragen totgeschlagen – gar nicht mehr zugelassen. Hier geht es um Wahrheit, die nackte Wahrheit und nichts als die Wahrheit, nicht um Nebelbomben und Ablenkung, Augen zu, sondern um das genaue Hinsehen und klare Ansagen, nicht um Beruhigung und Einlullen, sondern um Wachsamkeit: Kein X für ein U hier, sondern Wahrheit und Nüchternheit und Klarheit.
Propheten, liebe Gemeinde, sind solche Menschen: Querdenker, Querredner, Querulanten halt, die sich den Mund nicht verbieten lassen, auch wenn man sie erst einmal nicht hören will, die den Mantel nicht in den Wind hängen und mitschwimmen im Strom, sondern sich gegenstemmen – stören, immer wieder. Der Wahrheit verpflichtet, nichts als der Wahrheit – Gott verpflichtet, unbestechlich, nicht käuflich, wahrhaftig bis zur Selbstverleugnung: Was wahr ist, muss wahr bleiben, selbst wenn es nicht gefällt, wenn es Folgen haben müsste, wenn sich alles verändern würde. Selbst wenn es aus Ruhe und Selbstgefälligkeit aufschreckt.
Jeremia, Prophet wider willen: Ich bin zu jung, wer bin ich denn, dass da jemand auf mich hören, etwas auf mich geben würde? Darauf nimmt Gott keine Rücksicht: Du bist es, du warst es von Anfang an. Jeremias Einrede dann gegen das Gehabe der Mächtigen, gegen die Bequemlichkeiten des Fußvolkes, gegen Trägheit und Achtlosigkeit, gegen das „Ach sind wir gut“ und Selbstgefälligkeit, gegen das Sich-selbst-Belügen und nicht so genau Hinsehen, hat ihn in den Block gebracht, an den Pranger gestellt am oberen Benjamintor, dem Gespött der Leute preisgegeben und sein Gerede für alle sichtbar Lügen gestraft. In einer verunsicherten Zeit, im Umbruch und all dem Suchen darf es keine neuen Ungewissheiten geben, dürfen keine Fragen gestellt werden, da muss Friede ausgeteilt werden für aufgescheuchte Seelen: Friede, Friede, Heil – so laufen sie herum, die Heilspropheten und Schulterklopfer, Gott als Beruhigungspille, nur ja keine Verunsicherungen.
Jeremia, der Prophet wider willen, ist es leid:
7 Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; „Frevel und Gewalt!“ muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: „Schrecken ist um und um!“ „Verklagt ihn!“ „Wir wollen ihn verklagen!“ Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: „Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.“
11 Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.
12 Und nun, Herr Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.
13 Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!
14 Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat!
15 Verflucht sei, der meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: „Du hast einen Sohn“, sodass er ihn fröhlich machte!
16 Der Tag soll sein wie die Städte, die der Herr vernichtet hat ohne Erbarmen. Am Morgen soll er Wehklage hören und am Mittag Kriegsgeschrei,
17 weil er mich nicht getötet hat im Mutterleibe, sodass meine Mutter mein Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre!
18 Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach zubringe!
  Jeremia 20
Was klar ist: Der Glaube an Gott ist keine einfache Sache. Er führt nicht unbedingt in die Mitte der Gesellschaft, führt eher nicht nach oben und in die erste Reihe – führt vielleicht ins Abseits, in eine unerhörte Einsamkeit, weil Gott stört: Fragen stellt, wo man keine hören will, weil Gott dazwischentritt, wo alles so schön eingerührt ist und läuft wie am Schnürchen: Wozu unnütze Fragen stellen?
Klar ist: Es ist schwer auszuhalten mit Gott im Schmollwinkel, dem nicht gefallen will, was doch allzu gut läuft, und die Opfer und Abgehängten werden doch irgendwie versorgt. Eine Wahrheit, die niemand hören will, niemand wissen will: Wie und unter welchen Umständen das billige Stück Stoff und auch die teureren Schuhe ihre Gestalt gewinnen, wo und vom wem und unter welchen Bedingungen warum der Kakao eingesammelt und Schokolade wird, wer mit seiner Gesundheit und mehr bezahlt dafür, dass unsere Luxusgüter greifbar bleiben für uns, wer eigentlich verdient an unseren Teestunden und wer den Rücken krumm macht. Eine Wahrheit, die niemand wahr haben will, dass die Gier immer wieder dazu führen wird, dass da gemauschelt wird, Pferd wie Elch und Kuh, Fleisch ist Fleisch, wenn nur das Kleingeld stimmt. Nicht nur die Gier derer, die das Karussell in Gang setzen, auch – vielleicht gerade – derer, die nicht fragen wollen, aber haben. Eine Wahrheit – die Schweizer buchstabieren es gerade durch, heute, die der Unersättlichkeit Schranken geben wollen, den Millionen für ein bisschen Geldjonglieren Grenzen setzen. Und man ahnt und es wird sogar ausgesprochen: Kapital ist ein flüchtiges Wild und wird sich davon machen, anderswo die Millionen hecken und die armen Schweizer im Regen stehen lassen, die Brosamen einer florierenden Wirtschaft nicht mehr abwerfen: Lasst uns die Millionen, damit ihr euer täglich Brot bekommt, sonst sind wir weg und ihr guckt ganz in die Röhre. Wer Reichen ans Leder will – ihr bekommt sie nicht zu fassen. Auch das ist wahr, unsere Welt funktioniert so, es geht um Boni, nicht um Solidarität, und wenn doch, dann meist doch nur die Portokasse betreffend. Die Millionen als Anspruch: Die Summen, die da genannt werden, nenne ich sittenwidrig. Die Wahrheit: Wer weiß, was den Papst wirklich zum Aufgeben bewegt hat.
Jeremia wäre mit den Propheten des „Uns geht’s gut und das soll so bleiben“, des „Wohlstand um jeden Preis und nur nicht so genau hinsehen“, des „Gebt den Reichen ihr Futter, damit was abfällt&dquo; – Jeremia wäre den Propheten der Klientelpolitik und des „Die Starken ja nicht schwächen“ und womöglich noch etwas erwarten von ihnen – Jeremia kommt uns allen in die Quere. Nicht etwa als Held der alten Zeit hoch geehrt, sondern wenn er heutige Wahrheit sagt, sofort in die Ecke gestellt. Man macht sich nicht beliebt mit der Wahrheit, wenn man die Ruhe stört und Selbstgewissheiten ankratzt: Stolz sein dürfen, nicht nachdenken müssen. Gegenwart leben, genießen dürfen, nicht immer die lästigen Fragen nach Morgen und nach anderswo.
Es ist eine große Versuchung: Mitmachen dürfen, dabei sein, dazugehören, im Einverständnis leben. Es hat doch keinen Sinn, dem Rad in die Speichen zu greifen, es ist so, es läuft so, nur nicht drüber nachdenken, den Ekel herunterschlucken oder gar nicht erst aufkommen lassen. Es ist uns an der Seite der alten Propheten nicht erlaubt. Es ist uns an der Seite Jesu nicht erlaubt: die Wahrheit muss ans Licht. Aber: Die Wahrheit kostet.
In dem Lutherfilm, den wir mit den KonfirmandInnen immer sehen, gibt es eine Schlüsselszene: Jetzt kommt es darauf an, aber guter Rat ist teuer, Ratlosigkeit, Verzweiflung vor dem entscheidenden Tag: Wie kann das gehen? Die Gegenfrage: Hast du denn geglaubt, dass es nichts kosten würde, die Welt zu verändern?
Die Gegenszene im Vatikan: Würden wir die Dinge lösen können, wenn wir Luther einen Kardinalshut anbieten? Die Antwort: Er würde sich schämen.
Das ist die andere Seite: Die Wahrheit lässt auch nicht los, sie lässt sich nicht einfach in die Ecke stellen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und faule Kompromisse schließen, sich eine Rückzugsnische suchen. Es brennt auf den Nägeln, wer an der Wahrheit genippt hat, es brennt in den Gebeinen, es brennt im Herzen, unerträglich. Wahrhaftigkeit – und nicht bequemer Selbstbetrug und nach dem Munde reden für ein bisschen (Schein-)Frieden. Ehrlichkeit – statt des Schielens nach Vorteil und „wo bleibe ich“. Unbestechlichkeit – weder Drohungen noch Verlockungen und ein ruhiges sattes Leben auf der Seite der Abzocker. Klarheit – hinsehen, verstehen, was da wie und zu wessen Vorteil abläuft, auch: Wie wir darin verwoben sind. Unerschrockenheit – was könnt ihr uns schon anhaben?
Glauben – Bonhoeffer notiert im Gefängnis, so wird es sein: Glauben – nur(!!) Beten und Tun des Gerechten, kein Süßholzraspeln mit dem lieben Gott. Das Leben ist kein Rosengarten, der Mensch, wenn er denn den Mut hat, Mensch zu sein, ist kein großartiger Held, sondern leidet mit Gott an den Verhältnissen. Muss nein sagen, wo er gern ja mitsingen würde. Es ist nicht die Frage, ob sich Gott lohnt. So gefragt und unsere Maßstäbe angelegt, muss man die Frage mit nein beantworten: Gott kostet, lohnt sich ganz und gar nicht. Aber mit Gott seiner Welt hoffnungsvoll ins Auge zu blicken und wegen dieser Hoffnung die Finger in die Wunden legen, mit Gott an eine bessere, eine gute Welt zu glauben – das lohnt sich wirklich, auch und gerade wenn es kostet. Und wer da einmal gekostet hat, kann gar nicht wieder zurück in Gleichgültigkeit, in einfach Hinnehmen, in Liesetreterei und Wegducken: Es brennt in den Knochen und erst recht im Herzen. Wir bleiben Störenfriede, solange wir Hoffnung haben, solange wir beten: bitten. Solange wir aussprechen, dass es anders sein könnte. Wir halten das aus.
Wir wissen nicht wirklich, was aus Jeremia geworden ist. Auch in diesem Stück, in diesem Verzweiflungsgebet, schillert sein Denken: Durchhalten, Zuversicht, auch Rache, Recht behalten wollen am Ende, die Widersacher beschämen. Oder: Der gottlose Fluch, lieber nicht gelebt zu haben, nicht aushalten können, weg sein. Die Auswahl, womit denn heute die Gemeinde zu konfrontieren sei, was ihr zuzumuten wäre, ist umstritten: Auf den Andachtblättern ist das gute Ende notiert, sogar noch unter Streichung der Rachegelüste des Propheten. Das Ganze ist vielleicht wirklich nicht auszuhalten. Trotzdem: Wir gehören an die Seite Jeremias. Jesus gehört in jedem Fall dorthin: Die Wahrheit über uns, nichts als die Wahrheit, und Gott helfe uns. Am Ende nur er.
Amen.
Pfarrer Hartmut Scheel