Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  20.11.2018 · 14:28 Uhr
+++  Glowing Memories +++ Gospelkonzert  +++
Predigten
 
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Christnacht, 24.12.2012, 23.00 Hesekiel 37,24–28
wohnen
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Vermutlich, liebe Gemeinde, sind nicht so wahnsinnig viele unter Ihnen, die so oft umgezogen sind in ihrem Leben wie ich. Bei meinem dritten Umzug war ich sechs und ahnte, was das bedeutet, habe Bedingungen gestellt – der Zorn von damals, als ich langsam begriff, dass die beschwichtigenden Versprechen doch nicht belastbar waren, ist immer noch abrufbar. Beim nächsten dann, inzwischen neun und halbwegs eingelebt, habe ich nur noch getobt – meine Ohnmacht gekostet. Ein Umzug kann eine Operation am offenen Herzen sein und mehr.
Bei einem der letzten Umzüge habe ich in Chaos und Stress, ich weiß nicht mehr warum, meine Frau gesucht, nach ihr gerufen, was sie denn gerade mache. „Ich wohne mal ein bisschen!“ Eine natürlich von Loriot inspirierte Antwort, wir haben gelacht und verstanden: Nicht nur etwas tun, sondern auch leben. Nicht immer nur machen, sondern auch sein.
Wir brauchen einen Ort, an dem wir wohnen können, der darf nicht wackeln. Wie wir eine Brust brauchen, an die wir uns anlehnen können, ein unbewaffnetes Ohr, ein Angesicht, das uns lächelt. Die beiden Weihnachtsgeschichten, so sehr sie sich eigentlich gegenseitig ausschließen, sind sich darin einig: Es ist kein Platz da für ihn – für Gott mit diesem Kind. Kein Raum in der Herberge – bei Lukas. Und sofort auf der Flucht nach Ägypten, und dann keine Rückkehr, sondern ganz woanders hin – bei Matthäus. Die Flüchtlinge dieser Welt, auch dieser Zeiten und Orte, sind nicht nur ein organisatorisches Versorgungsproblem, nicht wirtschaftlich oder politisch und was sonst noch, sie sind eine seelische Katastrophe: Es ist schlimm, keinen Ort zu haben, an den man und frau gehört, keine Heimat oder doch so fern.
Der Prophet Hesekiel auf Werbetour für Gott, einladend zur Hoffnung, fast beschwörend, sagt an, verspricht das große Wohnen-Dürfen (es sind die letzten Verse des 37 Kapitels des Hesekielbuches):
24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.
25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.
26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.
27 Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein,
28 damit auch die Heiden erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.
  Hesekiel 37
Natürlich: Auch das ein Versprechen, das bewegen will. Die erlahmende Hoffnung schüren, den Klagegesängen entgegentreten, Begeisterung wecken, wo Ängste wabern und Verluste drohen. Zwei und ein halbes Jahrtausend her, nicht eingelöst die Versprechen bis heute, im Gegenteil: die längste Zeit davon waren sie, denen das Versprechen galt, Vertriebene und schlimmer. Makabererweise vertrieben und aus dem Gedächtnis des Ortes gelöscht von denen, die sie selbst einmal herbeigerufen hatten: die zu unterliegen drohende Partei, dann lieber Untergang als die anderen. Die Römer damals blieben einfach und haben am Ende Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht, das Land umbenannt und die Juden weggejagt. Nicht mehr euer Land. Soviel zum Thema „für immer“. Heute wird den Rückkehrern das Land von denen streitig gemacht, die inzwischen dort genauso zu Hause sind und um ihre Heimat bangen. „Wohnen“, einfach nur „wohnen“ können beide dort nicht mehr und der dazu nötige Frieden ist fern, sehr fern.
Sie, wie Sie jetzt hier sitzen, haben heute gefeiert, zu Hause. Die Stunden gefüllt, ausgekostet, sich in alte Zeiten zurückversetzt, mit der Familie und leuchtenden Kinderaugen gestrahlt, die Ihren um sich gewusst, um sich geschart, Grüße und Geschenke ausgetauscht, das Halteseil der Verbindung verstärkt und sich Ihres Zuhauses vergewissern können: Es gibt es noch, für mich, für die Meinen. Manche Wehmut wird hereingespielt haben, wer fehlt am Tisch, vielleicht zum ersten Mal: Sie sind gegangen, führen ihr eigenes Leben nun, das ist gut so, aber schade. Oder für immer, unwiederbringlich, und viel von mir selbst ist mit ihnen fort. Haben genießen können: die Stille der Nacht nach besonders hektischen Tagen und Wochen. Einfach da sein können, feiern, auch morgen und übermorgen noch, die Mühsal des Alltäglichen ist weit weg in diesen Stunden. Die freudetrunkene Musik gehört dazu, nimmt uns mit in ihre eigene, ganz andere Welt, wo nichts mehr gilt als sich der Stunde hinzugeben, dem Hören und Staunen, mitzuschweben gleichsam im Klang der himmlischen Heere. Als ob einmal im Jahr sich die Schleusen öffnen, Glanz und Klarheit leuchten und Bilder malen von nie Gesehenem: „Die Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hoher Lobgesang“, wie Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gefängnis mit der Aussicht auf den Galgen der Nazis es aufgeschrieben hat.
Es ist so: Erwachsenwerden heißt sein Zuhause zu verlieren, zu ahnen, dass es das so nie wieder geben wird für mich. Weihnachten ist mit dem Kind in der Krippe, im Futtertrog eines schmutzigen und zugigen Stalles, auch eine große Erinnerung an die Sehnsucht nach diesem Ort, wo es für uns „Wohnen“ gibt: „Was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“, so hat es der Philosoph Ernst Bloch notiert. Gibt es wirkliche Heimat? Oder ist das Geschrei um die Heimat doch nur ein Luftschloss, das sich mit der Sehnsucht nach dem nie Gewesenen und Unerreichbaren paart? Einen Ort, wo wir einfach nur sind: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein? Einen Ort, an dem wir auf Dauer und für immer einfach wohnen können. Gibt es die Brust, an die wir uns lehnen können, ohne Sich-Mühen-Müssen darum, ohne Gefährdung, ohne Angst? Stühle, die bereit stehen, auf die wir uns einfach setzen können, eine verlässlich offene Tür, Zugehörigkeit und Willkommen?
Sie merken: Wir sind jetzt weihnachtlich hier angekommen, in der schon mit ihrem Namen vielversprechenden Kirche Zur Heimat! Der Weihnachtskirche! „Zur Heimat“, nicht weil sie so schön kuschelig ist, „innig, abgeschieden“ (EG 165,7) – wir sind hier eher ein wenig streng geradeaus sitzend, schmucklos – „Zur Heimat“, weil der Blick nach vorn gezogen wird und weiter nach draußen, auch ohne dem lange Finger Johannes des Täufers am Ende der Reliefreihe zu folgen: Auf das Kreuz mitten im Wald. Weil wir „Heimat“ nicht machen können, niemand, weil es uns nicht zur Verfügung steht. Vielleicht heißen wir ja mit Bedacht nicht wie die Straße einfach „Heimat“, sondern deshalb nur „Zur Heimat“: Wir sind ein Verweis. Weihnachten ist das Versprechen von Heimat. Aber ein Versprechen als Verweis: Diese Heimat kommt auf uns zu, ist kein Besitz für uns, nie, nur eine große Einladung. Ein Verweis, der die Sehnsucht verstärkt,
Wo ist der Freuden Ort? Nirgends mehr denn dort,
da die Engel singen mit den Heilgen all
und die Psalmen klingen im hohen Himmelssaal.
Eia, wärn wir da, eia, wärn wir da!
(EG 35,4)
Verstärkt, weil das keine Vertröstung ist, sondern Herausforderung: Nichts gilt mehr, was nicht dieses ist. Nichts hält stand vor den himmlischen Chören. Nichts hat Bestand als „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, wie es dort besungen wird. Ach, sängen die Engel doch bei uns! Ach klängen die Psalmen hier! Fangen wir an, stümperhaft, aber entschlossen, so gut wir können. Wir wissen seit Weihnachten: Das Einstimmen in die himmlischen Chöre wird er nicht Lügen strafen, im Gegenteil. Wo also so gesungen wird, da lass dich ruhig nieder. Da kannst du wirklich wohnen.
Amen.
Pfarrer Hartmut Scheel