Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  21.9.2018 · 23:07 Uhr
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Predigten
 
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Pfingsten, 27.5.2012, 11.00 Epheser 4,11–16
Haupt und Glieder
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Pfingsten geht es um uns, liebe Gemeinde: Um die Kirche, um jede Gemeinde, um die Christenheit. Pfingsten wird der Urknall gefeiert, der alles in Gang gesetzt hat, um den Urknall, der in Bewegung setzt, ursprünglich: Ein Chaos von ganz verschiedene Menschen, in dem jeder und jede für sich Multiplikator ist. Da gibt es niemanden, der einfach nur so dasitzt, massebildend die Reihen füllt und möglichst still ist. In der Gemeinde – das war ja einer der Grundimpulse – ist jeder wichtig, gehört jede dazu, kommt jedem und jeder die Würde zu, Gegenüber Gottes zu sein. Alle haben die gleichen Rechte, jeder und jede ist Beteiligte – eine bunte Truppe, zusammengewürfelt, so scheint es, ein chaotisches Konzert der vielen, ohne Partitur, ohne Dirigent. Nun seht mal zu!
Wir haben es in den letzten Monaten gelegentlich in Erinnerung gebracht bekommen: Ein Schiff auf hoher See ist ein eigener Kosmos. Nicht umsonst wird der Kapitän mit erstaunlichen Rechten ausgestattet: Standesbeamter sogar kann er sein, muss er sein, wenn es hart auf hart kommt. Ein in sich funktionierendes Gemeinwesen auf Zeit der Reise, mit klaren Regeln. Wo kämen wir hin, wenn auf diesem Schiff erst einmal palavert wird, fahren wir rechts oder links am Eisberg vorbei, Zettel falten über den Abstand zu Küste, den wir einhalten wollen. Eine klare Struktur, eine straffe Organisation sichert das Überleben aller auf dem Schiff – oder auch nicht, wenn der Kapitän einen Fehler macht. Es ist immer wieder Stoff für Filme und Romane: Ein plötzlich entstehender geschlossener Mikrokosmos von ein paar Menschen, die Strukturen erst finden müssen, Leben auf einer entlegenen Insel organisieren, ein führerloses Flugzeug irgendwie retten.
Wir können es uns kaum vorstellen, wie unser Anfang war: Pfingsten, ursprüngliche Begeisterung, viele und sehr verschiedene Menschen, eine Bewegung – wie und woher kommt da Struktur rein? Und sage niemand, einmal ausgebildete Strukturen sicher ein für allemal: Sie sind immer auf dem Prüfstand, es gibt immer Kräfte, die zerren, ihre Möglichkeiten gegen die Strukturen suchen oder der Position des anderen habhaft werden wollen. Eine Gemeinde ist ein wabernder Mechanismus, in dem die Beteiligten an Rädchen drehen, ihre Befindlichkeiten einbringen, Veränderungen wollen oder auch nur zurück, wie es früher so schön war. Man sehe sich nur an, welches Schauspiel an Intrigen der Vatikan in diesen Tagen wieder bietet: Der Kammerdiener des Papstes als Informant ganz anderer Interessen. Das Spiel um Macht und Einfluss, das gar kein Spiel ist, sondern bitterster Ernst: da rollen Köpfe und werde Karrieren abgeschnitten, wenn da einer dem anderen in den Weg gerät.
Eine sich neu bildende Gemeinschaft muss Aufgaben verteilen. Ein Gemeinwesen lebt davon, dass jedes Mitglied etwas einbringt: Aufgaben übernimmt, sich mit seinen Fähigkeiten anbietet. Natürlich wird es in der Kirche so sein, dass die ersten Jünger Jesu kraft ihres Einblickes, kraft ihres Miterlebens eine Sonderstellung einnehmen: Sie werden gefragt, wie es war. Natürlich wird Petrus, der erste Auferstehungszeuge erst einmal ganz vorn stehen. Aber kann der das denn? Der biedere Fischer vom See Genezareth? Es ist eine Ehrfurcht sicher vor dem Unmittelbaren zum Herrn, aber bald kommt Petrus an seine Grenzen und andere übernehmen dies und das. Es gibt offenbar bald ausdifferenzierte Aufgabenprofile: Leute, die die Reden halten, andere, die strategische Überlegungen anstellen, noch andere, die die Werbung übernehmen, welche, die nach innen für die Erinnerungskultur sorgen, weil wir ja einen Inhalt haben, kein bloßes Zufallsbündnis von Menschen sind, einige, die sich um Hilflose kümmern, dass keiner verloren geht, wieder andere, die einfach die Alltäglichkeiten in die Hand nehmen, auch welche, die die Musik machen.
Manches davon sind dankbare Aufgaben: Bewunderung oder zumindest Ehrerbietung bringen sie mit sich, manches ist eher achtlos Vorausgesetztes. Mancher schreit lauter, macht Gewese, andere tun klaglos und kaum beachtet ihren Dienst. Was ist wichtiger? Was ist unwichtig? Was gar überflüssig?
Ich lese aus dem Epheserbrief im 4. Kapitel:
11 Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer,
12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden,
13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi,
14 damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.
15 Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus,
16 von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.
  Epheser 4,11–16
Die Gemeinde Zur Heimat hat ungefähr 2.500 Gemeindeglieder. Nicht Mitglieder! Gemeindeglieder! Da wird nicht summiert und eingeordnet, da wird zugeordnet: Glieder an einem Leib, am Leib Christi. Jedes Glied hat seine Aufgabe, seine Funktion für das Ganze, niemand darf fehlen. Gemeinde und Kirche als Leib Christi, jedes Glied ein Teil dieses Körpers. Und kein Glied kann das andere als überflüssig loslassen, wenn ein Glied fehlt, tut es weh, und wird es mühsam. Niemand ist einfach so dabei. Christ sein heißt: Dazugehören. Christ sein heißt: Wichtig sein hier, Würde haben.
Das Bild vom Leib Christi sagt aber auch: Das Ganze bewegt sich. Kein in sich ruhendes Institut, sondern eine Bewegung, die sich bewegt und die bewegen will. Kirche ist auch und gerade zu Pfingsten kein Selbstzweck, Gemeinde kann sich nicht auf sich selbst beschränken, sondern meldet sich als Ganze zu Wort. Ist Zeugin, lädt ein, nimmt Einfluss, stellt Fragen, bringt Antworten ein, tritt ein, bewegt, kritisiert, setzt Alternativen um, wo alles als alternativlos dargestellt wird. Die Kirche – der Leib Christi mitten in der Welt des 21. Jahrhunderts danach, ist ein Ausrufungszeichen, ein Stolperstein, ein Signal. Ein Zeichen einer anderen Welt. Die Sehnsucht nach einer anderen Welt haben wir gestern Abend hier in Gospel und Spirituals miterlebt, gehört, mitgeklatscht: „O Gott, wäre ich doch bei dir, könnte ich deine Welt sehen.“ Und das ist nicht nur der Blick in den Himmel, die Extrawelt Gottes, jenseits des Diesseitigen – das ist dann gleichzeitig auch der Maßstab für das Heutige: die Sehnsucht, dass es hier unten so sei, wie wir uns das da oben vorstellen. Die Hoffnung, dass es auch hier unten anfängt, „wie im Himmel, so – endlich – auch auf Erden.“ Der christliche Glaube erkennt die Wirklichkeit nicht an, findet sich mit ihr nicht ab, sondern misst alles an Gottes Welt. Das ist die Aufgabe des Leibes Christi – der Gemeinde.
Teil dieses Ganzen zu sein, Glied am Leib: Das ist Anerkennung, du bist wichtig. Diese Anerkennung heißt auch: Keine Eifersucht, jeder und jede hat ihren/seinen Platz. Es ist dies hier kein Wettbewerb auf einer Karriereleiter, der nächst höhere Platz immer erstrebenswert. Es gibt im Sinne des Bildes vom Leib Christi keine Rangordnung, nur die Verschiedenheit der Aufgaben. Das berüchtigte Kaffeekochen gehört genauso dazu wie die Last des Vorsitzes zu tragen. Der ganze Apparat funktioniert nur bei gegenseitiger Achtung. Wenn es in den Gelenken knirscht, tut es weh und kann der ganze Leib sich nicht gut bewegen. Kein Ehrgeiz, kein Geltungsbedürfnis gehört hierher. Und wenn es das doch gibt, ist das nur ein Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Das ist der Kern der Botschaft zu Pfingsten: Das Haupt ist Jesus selbst! Bleibt er selbst! Er braucht keine Stellvertreter – ja es darf eigentlich keinen geben. Und wenn all das mit den Gliedern an einem Leib überhaupt einen Sinn haben kann, dann nur solange das klar bleibt: Er selbst! Er selbst ist am Werk, wenn die Glieder sich bewegen. Es ist nicht irgendetwas, was da geschieht, sondern es wird sein Werk sein und bleiben. Diese Institution Kirche, die sich da gebildet hat, diese verfasste Gemeinde darf sich nicht verselbstständigen, nicht los machen von ihm. Es ist hier nicht Heimatgemeinde, sondern nur Gemeinde Jesu Christi. Es ist hier nicht Kirche, sondern immer nur er. Er ist am Werk in allem, was wir tun.
Daran muss zu Pfingsten erinnert werden: Lasst uns da nicht auf Irrwege geraten, lasst uns da nicht übergriffig werden, die Heimatgemeinde ist nicht unsere, sondern seine. Auf ihn muss alles orientiert bleiben. Und soweit es an uns liegt, sollten wir sein Anliegen hochhalten: Lasst uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Soweit es an uns liegt. Im Entscheidenden wird er selbst dafür sorgen, dass er Haupt bleibt. Er ist das Haupt seiner Gemeinde kraft des Heiligen Geistes.
Amen
(Pfarrer Hartmut Scheel)