Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  25.4.2018 · 0:59 Uhr
   
Predigten
 
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19. Sonntag nach Trinitatis, 30.10.2011, 10.00 Markus 1,32–39
raus!
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Keine biblische Geschichte wird umsonst erzählt, liebe Gemeinde. Niemals ohne Absicht einfach so, kein alltägliches Brötchenholen, keine Beschreibung einer Kaffeegesellschaft, keine belanglose Episode um der Vollständigkeit willen. Immer ist eine Botschaft für die Jetztzeit dabei: „In dem Zusammenhang, über den wir gerade geredet haben, erzähle ich euch einmal, wie es damals bei Jesus war.“ Oder eine Geschichte um Jesus herum, und allen geht ein Licht auf, eine Frage steht plötzlich im Raum und es beginnt überhaupt erst ein Gespräch: Ist es überhaupt richtig, ist es Jesus-gemäß, was wir hier tun und denken?
Auch bei dieser Geschichte haben sich die Weitererzähler und hat sich Markus, der Endlich-Aufschreiber, etwas gedacht. Keine Vollständigkeitsfanatiker, sondern Pädagogen, Gemeindepädagogen, die als Helfer zur Selbsterkenntnis ihre Christenheit in eine Richtung bewegen wollen, durch Geschichten sanft führen: Markus 1, sozusagen im Einführungs-, im Neugierigmachkapitel:
21 Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.
22 Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.
23 Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch, besessen von einem unreinen Geist; der schrie:
24 Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!
25 Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm!
26 Und der unreine Geist riss ihn und schrie laut und fuhr aus von ihm.
27 Und sie entsetzten sich alle, sodass sie sich untereinander befragten und sprachen: Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht! Er gebietet auch den unreinen Geistern und sie gehorchen ihm!
28 Und die Kunde von ihm erscholl alsbald überall im ganzen galiläischen Land.
29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes.
30 Und die Schwiegermutter Simons lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr.
31 Da trat er zu ihr, fasste sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie und sie diente ihnen.
32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.
  Markus 1,21–39
Kapernaum könnte das Paradies auf Erden sein mit diesem Wundertäter in ihrer Mitte, diesem Heile-Welt-Apostel Gottes. Kein Leid, kein Geschrei noch Schmerz mehr in ihrer Mitte, die bösen Geister und all unsere Dämonen jedweder Couleur vertrieben, keine Störungen, keine Irritationen, weder Fragen noch Sehnsüchte, denn alle menschliche Sehnsucht nach Heil, nach Zufriedenheit, Ganzheit und Bei-sich-Sein, nach dem großen Schalom sind hier Wirklichkeit geworden. Kapernaum, du hochgelobte Stadt – hier ist die Welt in Ordnung, hierher kommen und angekommen sein, Heimat haben, bleiben dürfen. Die heile Welt wenigstens an einem Punkt, der Wallfahrtsort des göttlichen Schalom – oben in Galiläa. Um diesen Jesus herum etwas aufbauen, eine Schalom-Tourismusindustrie für zwei Jahrtausende – was mögen das für Träume gewesen sein dort in Kapernaum im Banne dieses Wunderheilers Gottes, dieses vollmächtigen Lehrers, der nicht nur redet? Viel, viel, viel erzählt Markus und nicht weniger als die ganze Stadt, selbst wenn es für unsere Verhältnisse nicht einmal eine Kleinstadt war.
Ganz früh am Morgen, vor Sonnenaufgang und Zeitumstellung macht sich Jesus davon: Der Gutmensch von Kapernaum will das nicht bleiben, hält das nicht mehr aus. Man sucht ihn, seine Leute: „Das geht nicht, lieber Jesus, du kannst jetzt nicht einfach abhauen. Du hast da etwas angefangen, du hast da viel ausgelöst, lass all die Leute – lass „jedermann“ nicht hängen, das kannst du nicht machen.“ – „Kommt, lasst uns anderswo hingehen“, als ob es genug wäre, als ob Hoffnungen wecken nicht ein Versprechen wäre, diese auch zu erfüllen. Als ob sofort ein Burnout-Reflex bei Jesus einsetzt, es ihm zu viel wird. In die nächsten Städte, gleichmäßig verteilen, und Jesus hat nicht so viel Zeit, das Glück des Erfolgs zu genießen, weiter, gleich wieder und immer nur weiter, nicht verweilen, nicht träge werden, wir leben nicht zum Glücklich-Sein, nicht zum Bleiben, haben hier keine bleibende Stadt, keine Heimat nirgends, und wenn es doch einmal, scheinbar, so aussieht und sein könnte, dann vorsichtig sein, misstrauisch. Jesus ist – das ist gleich am Anfang der Eindruck – ein Gehetzter, ein Getriebener, sie sind ihm auf den Fersen, keine Zeit zum Verweilen. Es wird so bleiben, keine Ruhe zum Beten und Innewerden, kein Ort für sich, keine einsame Stätte. Letztlich will er es so – wollte es so aus der Sicht derer, die absichtsvoll seine Geschichte erzählen.
Wann und warum muss das erzählt werden? Wem muss das erzählt werden? Natürlich denen im wahren und all denen in den bildlichen Kapernaums, die bleiben wollen, das stille Glück zufrieden mit sich und der Welt genießen. Es ist so schön bei uns, warum sollten wir heraus, warum sollten wir verändern und damit gefährden? Es war so schön und unsere Welt in Ordnung – wer hat sie denn unnötig ins Wanken gebracht? Wenn es draußen stürmt und kalt wird, lieber hier drinnen im Warmen bleiben und die Tür zu, es zieht. Unsere „Heimat“ macht uns niemand kaputt, Jesus muss in Kapernaum bleiben.
Aber es scheint so, als sähe sich Jesus für Wohlfühloasen nicht zuständig: Da kann sich niemand auf ihn berufen. Wer bewahren will, wird verlieren – hat schon verloren – wer aber drangibt, wagt, aufs Spiel setzt, sich ins Gemenge begibt auf die Gefahr hin zu verlieren, der hat schon gewonnen. Jesusleute, Christen sind deshalb von der Sache her nirgends Besitzstandswahrer. Sie sind in der Nachfolge Jesu wenn, dann Heilswucherer. Sind Säleute des Reich Gottes: Funken zünden, Samenkörner verstreuen auf Gedeih und Verderb, sind nicht Hälmchenpfleger oder Nagelscherenrasenmäher. „Lasst uns anderswo hingehen.“ Nein, ich bin nicht dazu gekommen, den Gleich- und Ganzbegeisterten Nestwärme zu vermitteln – eher dazu, wenn sie anfangen sich einzurichten, wenn sie träge und selbstgenügsam werden, wenn sie sich am Nest festkrallen wollen, sie hinauszustoßen. Die Nester, die Heimaten und die Zuhausen dieses Lebens – sie sind gefährlich: Wir müssen raus, unter die Leute, dürfen nicht zu Hause bleiben. Das Desinteresse an all den anderen, das Sich-selbst-genug-Sein ist womöglich die eigentliche Gefährdung des 21. Jahrhunderts. Wenn denn der Papst so richtig verstanden worden ist, hat er mit seinem Aufruf, erst einmal sich selbst zu leben und den Glauben richtig zu pflegen, völlig Unrecht: Wer Zuhause bleibt und seinen Glauben pflegt, hat ihn schon verloren. Glauben gibt es nur in den Zusammenhängen der Welt, nur im Gegenüber zum Unglauben. Ein für-sich-Glauben zuhause ist gar kein Glauben, eine in sich und für sich ruhende Gewissheit ist tot. Glaube kann überhaupt erst Glaube sein, wenn er sturmgeprüft wird – und nur solange der Sturm pfeift. Niemand kann ihn mit nach Hause nehmen – es sei denn, er hat dort einen riesigen Ventilator. Ich glaube deshalb auch überhaupt nicht, dass eine klösterliche Zurückgezogenheit, ein bloßes sich-Hingeben und den Glauben Leben wirklich hilft. Mein Verdacht: Da verschafft sich die Angst ein Alibi. Ich bin mir Gottes nicht sicher und kann ihn deshalb nur hinter geschützten Mauern leben. Und seien dies die Mauern und Stacheln der selbstbezogenen Meditation. Der Glaube kommt bestimmt nicht aus dem Schweigen, sondern immer nur aus dem Hören. Auch nicht aus der Wiederholung des immer Gleichen und Richtigen, sondern immer aus dem neu Hören. Das Evangelium – die gute Botschaft ist nie ganz angekommen, sondern an jedem Morgen neu. Oder es ist halt keine gute Botschaft mehr, sondern abgestandener Kaffee von vorgestern. Gott wird nicht alt! Und Gott als alter Mann mit Bart ist ein verräterisches Bild von dem, was der Glaube uns geworden ist.
Joseph Ratzinger ist ein kluger, aber eben auch alter Mann, vielleicht auch von Enttäuschungen geprägt und aus meiner Sicht ziemlich ängstlich geworden. Den Glauben zum Rückzug aufzufordern – wie gesagt: wenn er denn so richtig verstanden worden ist – ist eine Katastrophe. Entweltlichung (mein Computer sagt übrigens: das Wort gibt es nicht) Entweltlichung ist Unglaube: Ist Aufgabe des Gottvertrauens. Denn Gott kam zur Welt, damals, Gott kam zu uns. Und geht mit uns, steht an unserer Seite: Dort, wo der Wind des Lebens weht, nicht im toten, deshalb windstillen Winkel der Geschichte oder in einer gesonderten Provinz der Seele, die mit all dem anderen Kram nur indirekt etwas zu tun hätte. Es ist Glaube das Vertrauen auf Dinge, die man nicht sieht – die niemand sich selbst sagen kann, die auch nicht sich aus dem hohlen Bauch melden, wenn man nur richtig hinhört. Es ist der Glaube das Vertrauen darauf, dass es anders ist, als es scheint, dass die Gesetze unseres Umgehens miteinander nicht das letzte Wort haben werden, wir uns den Mächten und Gewalten dieser Welt nicht beugen müssen, nicht die Wolfgesetze und letztlich das Jeder-gegen-Jeden entscheiden, sondern: Dass in dem allen, mittendrin und nicht ganz am Rande, Gott das Wort nimmt und dem Leben Raum verschafft. Es geht um das Leben – und nicht um eine heile Welt irgendwo am Rande und als Rückzugsgebiet, als Wallfahrtsort oder was auch immer. Deshalb konnte Jesus damals auch nicht in Kapernaum bleiben, sondern musste heraus, musste es wagen, sich dem Leben auszusetzen und dem Wind und wenn es sein muss auch den Wellen und Stürmen. Deshalb ist Gemeinde kein Heimatverein, sondern Weggemeinschaft, deshalb geht es auch nach 2000 Jahren um Aufbruch, nicht um Bewahren und Bleiben. Und heilig und dann womöglich die Gemeinschaft der Heiligen werden wir draußen im Wind, nicht drinnen am Herd.
Amen
(Pfarrer Hartmut Scheel)