Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  15.12.2017 · 1:31 Uhr
   
Predigten
 
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Ewigkeitssonntag, 20.11.2016, 10.00 Johannes 14,1--3
Trauer
Liebe Gemeinde, vor allem liebe Trauernde, die Sie im letzten Jahr einen Menschen verloren haben, aber auch alle von Ihnen und Euch, die wir vor längerer Zeit geliebte Menschen verloren haben,
wir wissen und erfahren es: die Trauer bleibt, sie ist eine Wunde, die nie ganz vernarbt, die nie ganz richtig heilen will. In einem jüdischen Gebet heißt es über unsere bleibende Beziehung zu unseren Verstorbenen
Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang
erinnern wir uns an sie;
Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters
erinnern wir uns an sie;
Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers
erinnern wir uns an sie;
Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes
erinnern wir uns an sie;
Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht
erinnern wir uns an sie;
Wenn wir müde sind und Kraft brauchen
erinnern wir uns an sie;
Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen
erinnern wir uns an sie;
Wenn wir Freude erleben, die wir so gern teilen würden
erinnern wir uns an sie;
Solange wir leben, werden sie auch leben,
denn sie sind nun ein Teil von uns,
wenn wir uns an sie erinnern.
Also: Nicht nur um Traurigkeit geht es, nicht nur um Schmerz, nicht nur um Klage oder Anklage, nicht nur um Tränen in schlaflosen Nächten. Es geht um das Erinnern.
Es geht um all das, was uns von den Verstorbenen bleibt -- und was wir für sie und uns selbst erhoffen. Was wir in uns und mit uns tragen als einen unzerstörbaren Schatz: Erlebnisse, Worte, Bilder, die wir auch noch mit geschlossenen Augen wiederholen, hören und sehen können.
Denn mit uns und in uns spielt sich viel ab nach dem Tod eines geliebten Menschen:
Im Körper: unser Bauch, unser Herz, unsere ganze leibliche Gesundheit ist mitgenommen, hineingekommen in den Verlust. Fast wie eine Krankheit oder eine Verletzung ist die Trauer, als habe man einen lähmenden Schlag erhalten oder ein schlimmes Virus.
Aber nicht nur der Leib, auch unser Geist ist betroffen, wir sehen und erleben die Welt um uns anders, nehmen Dinge wahr, die wir vorher nicht sahen, erkennen die Vergänglichkeit des Lebens an allen Ecken, auch die Spuren von Leid bei anderen Menschen. Wir werden empfindlicher, sensibler, hellhöriger, auch feinfühliger für die Schmerzen der anderen.
Und dann die Seele: ja, denn wir haben oder sind eine Seele: sie ist wohl unsichtbar, aber spürbar in allem, was wir sind und tun, fühlen, denken, träumen und hoffen. Die Seele sehnt sich nach Ruhe, nach Halt und Geborgenheit, nach Frieden, nach Gott. Die Seele ist unbestechlich: Sie hält uns den Spiegel vor. Wir schauen und staunen, wenn wir als Trauernde träumen: Bilder, Visionen, Symbole, viel Hartes und Schweres, aber Gott sei Dank viel Gutes, Schönes, Tröstendes.
Das Aufwachenmüssen erscheint bitter und hart: Dass da jemand einfach weg ist. Alles ist anders. Man begreift es lange nicht, die Kälte, die Frechheit, das Unerhörte, das Unverschämte des Todes, das bodenlose Nichts.
Was uns dann alle hoffentlich in der Trauer stärkt und weiter tröstet, ist dies, was ich selbst erleben konnte: hin und wieder tauchen die Verstorbenen in unseren Träumen auf, oft jung, ganz nah, wie selbstverständlich, fast zum Anfassen.
Das ist das eine. Und dann haben wir noch etwas anderes: die helfenden, die heilenden und tröstenden Bilder, Visionen und Worte der Bibel: Jesus, das Kreuz, Ostern. Seine Worte, seine Zeichen und Wunder.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ -- mit diesen Worten aus dem Psalm 22 hat er seine Not und seine Qualen am Kreuz hinausgeschrien. Darin war und ist er allen Sterbenden und Trauernden mit seinem Schmerz und seiner Angst so nah. Er wusste wohl vorher, dass er sterben würde. So wie jeder und jede, die schwerkrank ins Krankenhaus oder ins Hospiz kommen.
Auch er wollte sich noch verabschieden von seinen Liebsten und Freunden. Und da hat er ihnen versucht, die Angst und den Schrecken vor dem Tod zu nehmen mit den Worten:
1 Euer Herz erschrecke nicht!
Johannes 14
Ihr müsst keine Angst haben, verzweifelt nicht. Und er lenkt den Blick nicht nur zurück, sondern nach vorn:
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
Johannes 14
Also: Wenn wir sterben und die Grenze überschreiten, sind wir nicht allein. Jesus ist da, mit seinen guten Mächten an unserer Seite, wir werden erwartet, wir werden empfangen und begleitet. Einem Mitsterbenden am Kreuz sagt er: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“
Liebe Mittrauernde, da spricht einer, der aus Gott kommt und Gott alles zutraut. Wir können uns an diese Symbole und Bilder der Geborgenheit klammern: Zum Beispiel: „In meines Vaters Haus“. Ich stelle mir vor: es gibt einen Ort, einen Platz im Hause Gottes, so wie eine Ferienwohnung, an der schon unser Name steht, wenn wir ankommen.
Da ist also niemand allein nach diesem Leben, da ist Platz für jeden Einzelnen in einer großen Gemeinschaft jenseits von Raum und Zeit. Da verschwinden wir nicht wie ein Tropfen im Meer. Da ist Erinnern, Erfüllung, Ruhe und Frieden. Ein Bild bleibender Identität.
Wir haben im Glaubensbekenntnis vorhin wiederholt: „aufgefahren in den Himmel“. Ich denke: wir reden in der Kirche zu selten vom „Himmel“. Wir sprechen zu wenig von dem, worauf wir von Gott her hoffen dürfen, worauf wir vertrauen, wenn sich hier alles auflöst und unser Leben dahin geht. Es geht dahin, aber es vergeht nicht.
Künstler, Dichter, Sänger, Filmemacher sind darin unbefangener und freier: Ein Mann wie der englische Sänger Eric Clapton dichtete und sang von den „Tears in heaven“, den „Tränen im Himmel“, als er seinen kleinen Sohn durch einen schrecklichen Fenstersturz aus einem Hochhaus in New York verloren hatte.
Das Berliner Duo Andrea Neuenhofen geb. Rosenbaum und Peter Plate, die sich als Gesangsduo „Rosenstolz“ nennen, dichteten und singen das Lied „Gib mir mehr Himmel“, in dem es heißt:
Gib mir mehr Himmel
Ich hab mich niemals fortbewegt
Und doch flog ich am Ziel vorbei
Mein Lachen ist nicht echt
Doch meine Tränen umso mehr
Ich leb’ als würd’ ich ewig leben
Und das nur nebenher
Meine nächste Zigarette ist das
Einzige was mich aufrecht hält
Ich hab mich nie getraut
über’s Ziel hinaus zu sehen
Hielt mich fest an meinem Plan
Immer in der Mitte steh’n
jetzt muss ich fort
Ich will jetzt fort …
Gib mir mehr Himmel,
mehr Himmel
Und ein anderer Berliner, der Sänger Reinhard Mey hat es in einem Lied so formuliert:
Ich stelle mir das Sterben vor
So wie ein großes, helles Tor,
Durch das wir einmal gehen werden.
Ein guter Platz um dort zu bleiben.
Fernab von Zwietracht, Angst und Leid.
In Frieden und Gelassenheit.
Und es ist tröstlich, wie ich find’,
Die uns vorausgegangen sind
Und die wir lieben, dort zu wissen.
Ja, wir können, dürfen und wollen uns wie diese dichtenden und singenden Zeitgenossen daran halten, dass unsere Toten nicht einfach weg sind. Sie sind uns nur voraus gegangen. Und Christus in der unvorstellbaren Herrlichkeit des Himmels ist bei ihnen, er hat ihnen und uns schon den Ort ausgesucht, an dem sie endgültig zuhause sein können.
Am Ende unserer persönlichen Zeit und der Dimension „Zeit“ schauen wir auf den dunklen Vorhang des Todes und hoffen vertrauend darauf, dass die Worte gelten und wahr werden, die Paulus in 1. Korinther 13 im „Hohelied der Liebe“ sagt:
12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Neben Hoffen und Glauben ist die Liebe die größte Kraft, sagt Paulus. Die Liebe, die Männer und Frauen, Eltern und Kinder, Freunde und Lebenspartner verbunden hat. Und darin und damit verbunden die Liebe Gottes, dessen Nähe in Wort und Sakrament man wie heute in jedem Gottesdienst suchen und feiern kann.
Unsere Liebe zu unseren Toten und ihre Liebe zu uns, das ist der Schatz, den wir nicht verlieren können. Darin begegnet uns Gott.
Dietrich Bonhoeffer musste als Mitglied des Widerstands gegen Hitler 1945 im Alter von 39 Jahren sterben. Er hat zu Weihnachten 1944 an seine Familie und Braut Maria ein Gedicht aus der Gestapo-Haft heraus schicken können. Es handelt von den „guten Mächten“ Gottes. Wir haben es am Dienstag hier am Sarg von Sigrid Schrader gesungen:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost was kommen mag,
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Und sein Schwager Justus Delbrück, der zunächst im Gefängnis der Nazis den Tod vor Augen hatte, im April 1945 befreit wurde und dann im Mai 1945 mit 43 Jahren in einem sowjetischen Gefängnis starb, schrieb seiner Frau Ellen und der Familie ein Gebet, das wir jetzt miteinander laut lesen können:
In den Tiefen, die kein Trost erreicht,
lass doch deine Treue mich erreichen.
In den Nächten, wo der Glaube weicht,
lass nicht deine Gnade von mir weichen.
Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
wenn mich kalt die Finsternis umweht,
wollest du in meiner Not mich finden.
Wenn die Seele wie ein irres Licht
flackert zwischen Werden und Vergehen,
wenn es mir an Trost und Rat gebricht,
wollest du an meiner Seite stehen.
Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
nimm die meine du in deine Hände,
nimm dich meiner Seele gnädig an,
führe mich zu einem guten Ende.
Die Kerzen, die wir heute entzünden, sollen eine Brücke sein für die Trauer, aber auch eine Brücke der Liebe, mit der unsere Toten geliebt wurden und sind - und nun in der Liebe Gottes „im Himmel“ geborgen sind.
Wie das alles einmal sein wird, entzieht sich unserem Wissen, es übersteigt unser Vorstellungsvermögen; aber wir haben am Ende der Bibel in der Offenbarung des Johannes eine Fülle an Bildern vom „guten Ende“ vor Augen. Es sind Bilder, die das ganze Elend dieser Welt mit Kriegen und Terror und Angst und Hunger in ein neues Licht tauchen: Denn Gott ist nicht fern, sondern nah, jetzt und für immer kümmert er sich wie ein mütterlicher Vater um seine Kinder:
Offenbarung des Johannes, Kapitel 21
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Amen
Pfarrer i.R. Kurt Kreibohm