Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  25.5.2017 · 9:03 Uhr
   
Andacht
 
gut gewürzt
Mai 2017
Salzkristalle
Foto: Ferdous
copyleft Autor nennen! cc 4.0

Monatsspruch Mai:
„Eure Rede sei allezeit freundlich
und mit Salz gewürzt.“
(Kol. 4,2)
Ich liebe es zu kochen. Ich liebe es, neue Rezepte auszuprobieren und mit exotischen Gewürzen zu experimentieren: Kreuzkümmel, Curcuma, ras el hanout, za’atar und wie sie alle heißen.
Und doch mache ich am Ende immer wieder die Feststellung: Wenn die entscheidende Prise Salz fehlt, bleibt es irgendwie schlaff …
Ein guter Bekannter von mir liebt es gerne deftig beim Essen. Immer beschwert er sich bei seiner Ehefrau, dass ihre Gerichte so fad seien. Die erste Aktion bei der gemeinsamen Mahlzeit ist in schöner Regelmäßigkeit der Griff zum Salzstreuer. „Willst Du nicht erst einmal kosten?“ – „Wozu, für meinen Geschmack kann es nicht kräftig genug sein!“ … Irgendwann hatte die Ehefrau diesen Standarddialog satt und tat die dreifache Menge an Salz ans Essen wie sonst üblich. Die Dinge nahmen ihren Lauf. „Willst Du nicht erst einmal kosten?“ – „Wozu …?“ Der obligatorische Griff zum Salzstreuer, der erste Happen, ein kurzes Innehalten, dann tapferes Weiterkauen mit zunehmend tränenden Augen …
Zwei Episoden zur Kunst des Abschmeckens, aber auch dafür, wie verschieden die Geschmäcker und Toleranzgrenzen sind, wenn es ums Essen geht.
Wie steht es um die „Kunst des Abschmeckens“, wenn es um das Gespräch, um den Dialog geht? Ist dann auch alles erlaubt und bestenfalls eine Geschmackssache? Oder gilt das alte Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – also lieber den Mund halten, als sich ihn zu verbrennen?
In letzter Zeit müssen wir zunehmend erleben,
dass Menschen in sozialen Netzwerken mit Hasstiraden und verbaler Gewalt verunglimpft und bedroht werden,
dass „alternative Fakten“ zur neuen Wahrheit befördert werden
dass Menschengruppen pauschal beurteilt werden, ohne das Individuum zu sehen,
aber auch
dass die Tendenz Raum greift, die eigene Meinung nach der geltenden „political correctness“ rund zu schleifen, um nicht vom Gegenüber in irgendeine Schublade gepackt zu werden, in die man nicht einsortiert werden möchte …
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“?
Ich meine „Nein“.
Im Gegenteil.
In solchen Zeiten brauchen wir umso mehr das Bemühen um gelingende und offene Kommunikation. In der großen Politik, aber auch in unseren täglichen Begegnungen mit Kollegen, auf der Party, beim Kirchenkaffee. Wir leben von der Kommunikation; die Fähigkeit zur Sprache ist ein wesentliches Attribut unseres Menschseins. Demokratie und gesellschaftliches Miteinander leben vom offenen und angstfreien Austausch der Gedanken und Meinungen. Jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen belastet das Gelingen eines guten Gespräches genauso wie die vorgefasste Meinung, die sich jedem ernsthaften Austausch verweigert oder hinter Schlagworten versteckt.
Ein gutes Rezept, Gesprächsfäden nicht reißen zu lassen oder auch sie neu zu knüpfen, formuliert der Monatsspruch aus dem Kolosserbrief: „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt“ – also vom Respekt für das Gegenüber getragen, aber auch bereit, nicht um den heißen Brei herumzureden. Wo beides(!) im rechten Maß „eingestreut“ wird, da ist der Grund für ein gutes und nährendes Gespräch gelegt, aus dem ich reicher hinausgehe, als ich hineingegangen bin.
Ganz im Sinne Konrad Adenauers, dessen oft, aber auch falsch zitierter Satz: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, …?“ eben noch weiter geht: „… nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Oder mit den Worten unseres Evangelischen Gesangbuches (Lied 495, Strophe 3):
Hilf, dass ich rede stets, womit ich kann bestehen;
lass kein unnützlich Wort aus meinem Munde gehen;
und wenn in meinem Amt ich reden soll und muss,
so gib den Worten Kraft und Nachdruck ohn Verdruss.
Mit den besten Wünschen für gute Gespräche im Wonnemonat Mai!
Ihr Claas Ehrhardt, Pfarrer