Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  19.6.2018 · 8:13 Uhr
   
Andacht
 
Engel zu Besuch
Juni 2018
Monatsspruch Juni:
„Vergesst die Gastfreundschaft nicht;
denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen,
Engel beherbergt.“
(Hebräer 13,2)
„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, heißt es. Diese Statistik aus dem Brief an die Hebräer steht auf wackligen Füßen.
Wie viele Menschen hatten Engel zu Besuch?
Zwei?
Zwei Prozent?
Haben einige bewusst Engel beherbergt, während andere wiederum Teufel in ihren Häusern hatten?
Sollen wir Christinnen und Christen möglichst viele Gäste aufnehmen, um möglichst viele Engel zu beherbergen?
Die Bibel stellt den (post)modernen Menschen stellenweise auf eine harte Probe. Zu einfach macht es sich aber, wer sie als überholt und unbrauchbar beiseite legt.
Ein genauer Blick lohnt sich an dieser Stelle.
Es wimmelt nur so von Engeln im Hebräerbrief. Mir fallen dabei spontan diese kleinen putzigen Wesen mit Flügeln ein, wie sie auf der Sixtinischen Madonna von Raffael zu sehen sind. Doch auch in meinem persönlichen Umfeld kenne ich Engel. Ich denke dabei an Kinder, die mir in ihrer unschuldigen und unbeschwerten Art eine Ahnung davon geben, was Glück bedeuten kann. Ich denke dabei an Menschen, die ich liebe. Doch ich erinnere mich auch an Momente, in denen mir fremde Menschen zu Engeln wurden. Unerwartet meist. Und überraschend.
Kinder sind keine Engel. Sie können auch anders. Genauso wie Erwachsene. Und trotzdem ist es wahr, wenn wir sie oder andere Menschen als Engel betrachten. Sie sind Engel, so wie auch wir anderen zu Engeln werden können.
Die Menschen in Deutschland hatten mit ihrer Willkommenskultur in den letzten Jahren gezeigt, dass sie an die Wahrheit dieses Verses glauben – vermutlich, ohne dass die meisten jemals davon gehört haben. Auch unsere Gemeinde war daran beteiligt.
Viele Reisende machen bei www.couchsurfing.org sehr gute Erfahrungen mit Gastfreundschaft. Dabei handelt es sich um ein religiös völlig unverdächtiges Netzwerk. Menschen in aller Welt stellen Reisenden kostenlos eine Couch zur Verfügung. Ohne Gegenleistung. Sie wissen es nicht, dass sie manchmal Engel beherbergen.
Manche Länder sind für ihre Gastfreundschaft berühmt. Die Menschen wissen wohl, dass Gastfreundschaft glücklich macht. Als würde man Engel beherbergen.
„Statistisch“ gesehen sind nicht alle Gäste Engel und benehmen sich als solche. Aber sich von diesem Gedanken lähmen zu lassen, ist nicht, wozu wir Christen aufgerufen sind.
In der Logik des Hebräerbriefs sind Engel Geistwesen, im Rang irgendwo zwischen Gott und den Menschen (nein, er denkt nicht an kleine Kinder). Doch der Sohn Gottes, so klärt der Autor, steht im Rang deutlich über den Engeln. Und was die Pointe ist: Er nennt uns (genauer: die Nachkommenschaft Abrahams) Brüder (wir denken uns die Schwestern dazu). Hieße das, dass wir in allen Menschen, denen wir Gastfreundschaft erweisen, potentiell Schwestern und Brüder des Sohnes Gottes, also seine Kinder aufnehmen? Das wäre außerordentlich.
Herzlichst, Ihr Vikar Viktor Weber