Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  24.10.2017 · 9:43 Uhr
   
Andacht
 
Letzte werden Erste
September 2017
Bereit zum Wettrennen
Foto: S. Hofschlaeger
© Pixelio

Monatsspruch September:
„Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein,
und sind Erste, die werden die Letzten sein“
(Lukas 13,30)
Einkaufen. Eine Riesenschlange an der Kasse. Wieso machen die denn keine zweite Kasse auf?! Da – jemand kommt. Mit einem beherzten Sprung bringe ich mich auf die andere Seite, lege mit einem zufriedenen Grinsen meine Einkäufe auf das Laufband und denke erheitert: „Erster (= Bester)! Die Letzten werden eben die Ersten sein“.
Dieser Spruch stammt so ähnlich von Jesus, wie es Matthäus in seinem Evangelium berichtet (Mt 20,16). Und hat mit dem, was dort gemeint ist, nichts zu tun. Das ist vergleichbar damit, wie andere Bibelsprüchen verwendet werden, etwa „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Sie werden so dahingesagt und eignen sich auch Mal zum Smalltalk.
„Die Ersten werden die Letzten sein“ ist aber nicht Material für einen Smalltalk, sondern ein Skandal. Wer sich bemüht, wird nicht belohnt? Wer nicht auf der faulen Haut rumliegt, schwitzt umsonst? Das kann nicht sein. Jesus, ist das dein Ernst?
Ich gebe zu, Jesu Geschichten vom Reich Gottes faszinieren mich, wahrscheinlich weil sie mich so irritieren. Weil sie überraschen. Weil sie zum Nachdenken herausfordern.
Um das Reich Gottes geht es nämlich und dort gilt: Die Ersten werden die Letzten sein. Lukas geht es dabei vermutlich wie mir: Das scheint ihm etwas zu hart. Schreibt er deswegen abgemildert: „… Es sind Letzte, die werden Erste sein …“?
Ich wage eine ungewöhnliche Deutung: Wenn Letzte zu Ersten und Erste zu Letzten werden, dann sind die Rollen vertauscht. Es gibt aber nun immer noch „Erste“ und „Letzte“, nur eben in vertauschten Rollen. Also wäre wieder ein Tausch möglich. Und das immer wieder. Das klingt ironisch, ist es aber nur bedingt. Es ist vielmehr dynamisch gemeint. Ein wiederkehrender Wechsel. Jede und jeder kommt mal zum Zug. Darf mal vorne sein, darf aber auch mal hinten sein. Die eine und die andere Erfahrung machen. Dadurch bereichert werden. Und das Beste: Am Ende würde es keinen mehr interessieren, wer „Erster“ und wer „Letzter“ ist. Das Leben würde sich abseits dieser Kategorien abspielen, man könnte sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Ein schöner Gedanke.
Wir Christen bitten im Vaterunser, dass das Reich Gottes kommen möge. Unser Ziel kann nicht Selbstbeweihräucherung sein, sondern das, was Gemeinschaft in Liebe ermöglicht und somit dem Ich einen angemessenen Platz beimisst. Das ist nicht immer leicht. Und doch hilft der Gedanke, dass jede und jeder bei Gott gerecht behandelt wird.
Dabei ist das kein billiger Trost in dem Sinne: „Wenn du es hier zu nichts bringst, wird es dir Gott später im Himmel vergelten.“ Nein, das Reich Gottes ist bereits jetzt gegenwärtig. Wer nicht ständig nur an sich selbst denkt, sondern Nächstenliebe lebt, wird hier bereits Glück und Zufriedenheit erfahren. Wen wundert es, dass unter den „Reichen und Schönen“ so viel Zwist und Unzufriedenheit herrscht? Wen wundert es, dass die, die wenig haben, oft die Glücklicheren sind? Das ist sicher kein Naturgesetz, das wissen auch die biblischen Geschichten, wenn sie von reichen Menschen berichten. Aber es ist hilfreich in den Momenten, in denen man sich Ziele für sein Leben setzt. Und ob Reichtum und Ehre solche erstrebenswerten Ziele sind, daran dürfen wir berechtigterweise zweifeln.
Ihr Vikar Viktor Weber