Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  22.8.2017 · 11:15 Uhr
   
Andacht
 
Ich setze auf die Liebe
Sommer 2017
Monatsspruch Juli:
„Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde
an Erkenntnis und aller Erfahrung“
(Philipper 1,9)
„Lieben kann man nie genug“ stellte ein Schlagersänger Anfang der 90er Jahre fest.
Wenn das Herz schneller klopft, wenn im Bauch ein ganzer Schwarm Schmetterlinge für das richtige Kribbeln sorgt, wenn alle Sorgen und Zweifel unwichtig werden, weil er/sie Teil meines Lebens ist … Wer solche Gefühle kennt, wird sicherlich zustimmen. Weil sie uns ahnen lassen, warum die Liebe die mit Abstand meist besungene (und auch bedichtete, verfilmte, gemalte, …) menschliche Grundregung ist.
Wie sollte es da ein „genug“ oder gar ein „zu viel“ geben können? Oder doch?
Was ist, wenn Liebe einseitig ist?
Was, wenn sie so stark ist, dass sie in Schmerzen, Ängste, Abhängigkeiten umschlägt?
Wenn sie blind macht für Schatten und Grautöne?
Wenn sie dem geliebten Gegenüber die Luft zum Atmen nimmt? Andererseits: Können Gefühle denn überhaupt „falsch“ sein?
So schön und einzigartig, so heiß und bedrängend, so lustvoll und abgründig, so vergewissernd und verstörend die „Liebe“ daherkommen kann, sie ist mehr als ein Gefühl, auch wenn dies die gängige Wahrnehmung und Definition von „Liebe“ eindeutig bestimmt.
Aber es gibt weitere Wesensarten der Liebe, gerade aus biblischer Perspektive. Ähnlich wie im Englischen, wo „sky“ und „heaven“ die ganz unterschiedlichen Verständnisweisen des „Himmels“ klar voneinander unterscheiden, gilt das mit Blick auf die Liebe auch im Griechischen, der Ursprache unseres Neuen Testamentes, dem auch der Spruch für den Monat Juli entstammt.
Im Unterschied zur gefühlsbasierten Liebe zwischen zwei Menschen (Eros), kennt das Neue Testament wie die antike griechische Literatur auch die Freundesliebe (Philia), vor allem aber die von Gott inspirierte und als ihre Konsequenz auch vom Menschen als Haltung erwartete Agape.
Liebe als Haltung dem nächsten Gegenüber.
Liebe als Entscheidung für ein zwischenmenschliches Miteinander, das sich gerade nicht von Gefühlen leiten lässt, sondern zur Not auch gegen diese durchgehalten wird. So wie Jesus es z.B. im Gleichnis vom barmherzigen Samariter beschreibt: Übernahme von Verantwortung für den Nächsten, wenn es darauf ankommt, wenn es auf mich ankommt.
Um eine so verstandene Liebe betete auch der Apostel Paulus für die Gemeinde in Philippi.
Eine Liebe, die sich von Erkenntnis und Erfahrung leiten lässt, um die Herausforderungen zu meistern, die das Miteinander von Menschen unterschiedlichster Prägung in einem Gemeinwesen mit sich bringt.
Das galt für die jungen, heterogenen Christengemeinden, die Paulus vor Augen hatte.
Und es beschreibt auch die Herausforderung, vor der wir als Gesellschaft in unruhigen und komplexen Zeiten in besonderer Weise stehen.
In dieser Gemengelage kann es sehr zuträglich, ja entscheidend sein, sich in den notwendigen Entscheidungen gerade nicht von Gefühlen und Affekten leiten zu lassen, sondern sich um sachdienliche Kenntnisse und Erfahrungen zu bemühen.
Liebe, Agape, als Haltung im gemeinsamen Miteinander!? Für Hanns Dieter Hüsch ist diese Haltung alternativlos. Darum setzt er auf die Liebe:
Ich setze auf die Liebe
das ist das Thema
den Hass aus der Welt zu entfernen,
bis wir bereit sind zu lernen,
dass Macht, Gewalt, Rache und Sieg
nicht anderes bedeuten als ewiger Krieg
auf Erden und dann auf den Sternen.
Ich setze auf die Liebe,
wenn Sturm mich in die Knie zwingt
und Angst in meinen Schläfen buchstabiert,
ein dunkler Abend mir die Sinne trübt,
ein Freund im anderen Lager singt,
ein junger Mensch den Kopf verliert,
ein alter Mensch den Abschied übt.
Ich setze auf die Liebe
das ist das Thema
den Hass aus der Welt zu vertreiben,
ihn immer neu zu beschreiben.
Die einen sagen es läge am Geld,
die anderen sagen es wäre die Welt,
sie läg’ in den falschen Händen.
Jeder weiß besser woran es liegt,
doch es hat noch niemand den Hass besiegt,
ohne ihn selbst zu beenden.
Es kann mir sagen, was es will,
es kann mir singen, wie er’s meint,
und mir erklären, was er muss,
und mir begründen, wie er’s braucht.
Ich setzte auf die Liebe! Schluss!
(aus H.D. Hüsch, Das Schwere leicht gesagt)
Ihr Claas Ehrhardt, Pfarrer