Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  23.3.2017 · 11:14 Uhr
   
Andacht
 
Achtung
März 2017
Monatsspruch März:
„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.“
(Lev 19,32)
Anfang der 60er Jahre war dieses Lied (rechts) von Camillo Felgen so erfolgreich, dass es zehn Jahre später von Heino gesungen auch noch einmal zum Hit wurde. Gewidmet war es der Generation von Frauen, die in zwei Weltkriegen und den Jahren des Wiederaufbaus zum Teil unsägliche Lasten zu tragen hatte. Unwillkürlich stellen sich Erinnerungen an meine Großmutter (Jahrgang 1901) ein, wenn ich diese Zeilen schreibe.
Daneben taucht aber auch ein Gesprächsfetzen aus der letzten Woche auf – ein kurzer Dialog zwischen zwei älteren Damen, beide jenseits der achtzig.
„Warum soll denn ein junger Mensch für mich im Bus aufstehen, nur weil ich schon älter bin? Solange ich noch fit bin, kann ich auch stehen. Dann soll er lieber Platz machen für die junge Frau mit ihrem Schwangerschaftsbauch …“
Zwischen dem Erfolgsschlager und dem geschilderten Dialog liegen gut fünfzig Jahre und scheinbar zugleich Welten. Die heutige „Generation 80+“ steht dank gestiegener Lebenserwartung und Lebensqualität nicht selten noch mitten im Leben, hält sich in Fitness-Centern und auf Studienreisen körperlich und geistig fit.
Verwandelt sich damit die Forderung des Monatsspruches März, die einer umfangreichen Gesetzessammlung in Sachen Zusammenleben (dem sog. „Heiligkeitsgesetz“ 3. Mose 17–26) entstammt, ungewollt in eine Form von „Altersdiskriminierung“?
Und: Wie liest sie sich vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um „Generationengerechtigkeit“? In der Vertreter der jüngeren Generationen danach fragen, ob sich die Lasten zwischen Jung und Alt mittlerweile nicht zu Ungunsten der berufstätigen Menschen zwischen 20 und 50 verschoben haben.
Im Konfirmandenunterricht haben wir in der Beschäftigung mit den Zehn Geboten gerade die Gründung eines Gemeinwesens auf dem neu entdeckten Planeten „Viso“ simuliert und uns dabei die Frage gestellt: „Wie kann das Zusammenleben dort möglichst gut und spannungsfrei gestaltet werden?“ Neben einer lebhaften Debatte um die Frage, ob es nicht sozialer wäre, Bargeld zugunsten einer Tauschwirtschaft abzuschaffen, wurde unter der Überschrift „Jung und Alt“ folgendes Gebot für ein gutes Zusammenleben formuliert:
„Jeder behandelt den anderen Menschen, wie er selber behandelt werden möchte. Alle Menschen werden respektvoll behandelt und gleichberechtigt.“
Will heißen: Wo ich mein Gegenüber nicht auf arm oder reich, jung oder alt, einheimisch oder fremd reduziere, sondern den individuellen Menschen, das Geschöpf Gottes mit seiner/ihrer je einmaligen Geschichte, mit Fertigkeiten und Erfahrungen, Träumen und Gaben, Neugier und Gelassenheit, Reichtümern und Bedürfnissen, Stärken und Schwächen wahrnehme, da kann ich ihm/ihr auch eher gerecht werden – ganz unabhängig von Haar-, Augen- und Hautfarbe, Alter und Geschlecht. Geleitet von der „goldenen Regel“ Jesu, die und auch das „Heiligkeitsgesetz“ mit seinen zehn Kapiteln in einem Satz zusammenfasst:
„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 7,12)
 
Ihr Claas Ehrhardt, Pfarrer