Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  23.10.2018 · 1:29 Uhr
   
Andacht
 
Sehnsucht
Oktober 2018
Monatsspruch Oktober:
„Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.“
(Psalm 38,10)
„Wie war’s war im Urlaub?“, werde ich gefragt. Und wie aus der Pistole geschossen antworte ich: „Ich hab’ schon wieder Sehnsucht nach dem Meer!“ Ich habe Sehnsucht nach dem Sausen des Windes, nach der Ruhe und Abgeschiedenheit der Insel, auf der wir unsere Sommerferien verbracht haben. Dabei bin ich doch gerade erst aus dem Urlaub zurück …
Als Kind habe ich mich dagegen auf Reisen oft genug nach Hause gesehnt. Mir fehlte die vertraute Umgebung und ich fühlte mich fremd. Meine Kinder wiederum zieht ihre Sehnsucht regelmäßig in die Ferne … und meist an Orte, die mich nicht wirklich locken. Worauf will ich hinaus?
Sehnsucht ist etwas zutiefst Persönliches – wonach der/die eine sich sehnt, ist für andere wahlweise der Normalzustand oder etwas, wonach einem so gar nicht ist.
Sehnsucht bzw. das, wonach sie sich sehnt, unterliegt der Veränderung. Sie hängt ab von diversen Faktoren wie z.B. unserem Alter, unseren Lebensumständen und durchaus auch mal von vorherrschenden Trends.
Aber ist all das wirklich „Sehnsucht“? Oder gehört so manches, was wir damit verbinden, nicht eher in Kategorien wie „Heimweh“, „Nostalgie“ oder auch „Wunschtraum“?
Alles legitim und natürlich „nice to have“, wenn der entsprechende Wunsch in Erfüllung geht – aber wirklich „Sehnsucht“? Sprachlich betrachtet wurzelt die Sehnsucht im Mittelhochdeutschen „sehnsuht“ und beschreibt die „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“. Diese Wurzel lässt schon eine existentielle Dimension erahnen, die unserem umgangssprachlichen Gebrauch (siehe oben) vermutlich oft nicht entspricht.
Wo sich menschliches Sehnen auf die Grundbedürfnisse des Lebens bezieht, da wird es tatsächlich zu einem Verlangen, das in der Seele weh tun kann. Wie das verzweifelte Verlangen nach Frieden und sicheren Lebensumständen, nach dem sprichwörtlich täglichen Brot, nach Heilung oder auch nach Geborgenheit, nach Vergebung, nach Liebe …
Existentielle Grundbedürfnisse, die unser Menschsein, unsere Menschlichkeit im tiefsten Innern berühren. Wer den 38. Psalm im Zusammenhang liest, dem der Monatsspruch für den Oktober entstammt, wird feststellen, wie viele dieser Grundbedürfnisse dem verzweifelten Beter abhandengekommen bzw. verwehrt sind.
Wem kann er sich öffnen? Über das Innerste zu sprechen – erst recht, wenn es verletzt und bedürftig ist – fällt wohl niemandem leicht. Wie gut sitzen da die Masken, die wir voreinander tragen. Ja keine Schwäche zeigen.
Der unbekannte Beter des Psalms vertraut darauf, dass Gott um all das weiß, was er vor Menschen nicht offenlegen kann oder will.
Bei Gott kann und muss er sich nicht verstellen, kann ihm vor die Füße werfen, was ihn umtreibt. Im Vertrauen darauf, dass Gott sein Sehnen und Seufzen liebevoll anschaut.
Manchmal kann das schon der erste Schritt sein: Vor sich, vor Gott auszusprechen, wonach meine Seele sich sehnt und seufzt:
„Gott, sieh meine Sehnsucht an. Hilf mir, nicht zu resignieren, wo sie nicht erfüllt ist. Verwandle sie in Hoffnung und Vertrauen“.
Amen.