Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  20.11.2018 · 15:04 Uhr
+++  Glowing Memories +++ Gospelkonzert  +++
Andacht
 
religiös
November 2018
Das himmlische Jerusalem
mit seinen zwölf Toren
Hubert Distler (1919–2004)
Immanuel-Nazareth-Gemeinde, München

Monatsspruch November:
„Und ich sah die heilige Stadt,
das neue Jerusalem,
von Gott aus dem Himmel herabkommen,
bereitet wie eine geschmückte Braut
für ihren Mann.“
(Offenbarung 21,2)
Das Paradies ist genau so sehr eine Stadt, wie der Himmel oben und Gott ein Fels ist – nämlich im übertragenen Sinn. Den Ort der Gottesnähe am Ende aller Zeiten beschreibt der Visionär Johannes als eine fantastische Stadt. Ein Ort, an dem lebendiges Wasser für die Durstigen umsonst fließt, wie uns schon die Jahreslosung informiert. Ein Ort direkter Gottesnähe.
Johannes berichtet von einer persönlichen religiösen Erfahrung.
Menschen machen regelmäßig religiöse Erfahrungen, nur sind gläubige Menschen sensibler dafür als „religiös unmusikalische“ Menschen. Schließlich ist der Mensch als solcher ein für Spiritualität empfängliches Wesen, er kommt an Fragen nach dem Sinn, nach dem Woher und Wohin nicht vorbei. Er hat folglich ein religiöses Bewusstsein.
Eher selten hat ein religiöser Mensch Visionen, jedoch gelegentlich Erfahrungen, die er religiös deutet. Über solche religiösen Erfahrungen ins Gespräch zu kommen, ist Sinn und Zweck von Gottesdiensten und von spirituellem Austausch unter Gläubigen. Den Vorgang kann man sich dabei wie ein gegenseitiges Befruchten vorstellen, ganz im Sinne des 1. Korintherbriefs im 12. Kapitel: Dem einen wird ein Wort der Weisheit gegeben, dem anderen ein Wort der Erkenntnis.
Der Urheber dieses Gedankens ist der große Berliner Theologe des 19. Jahrhunderts Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834), dessen Geburtsjahr sich dieses Jahr zum 250. Mal jährt. Ihm ist damit nichts Geringeres gelungen, als die Vernunft mit der Religion zu befrieden. Seine Theologie basiert nicht in einer Gottesoffenbarung, die wie ein Blitz von oben in den Menschen fährt, sondern in der Beobachtung des menschlichen Bewusstseins. Der Mensch nimmt sich nach seiner Ansicht selbst als ein Wesen wahr, das zu einem Großteil abhängig ist von Dingen, die er nicht selbst herstellen kann. Er lebt sozusagen von Voraussetzungen, die er nicht selbst schaffen kann. Eine Abhängigkeit kann aber nur gedacht werden als eine Abhängigkeit von etwas. In diesem Etwas, wovon jeder Mensch grundlegend abhängig ist, ist Gott zu suchen, Gott ist „das Woher der schlechthinnigen Abhängigkeit“, so Schleiermacher. Gott ist also gewissermaßen die Ursache unserer Existenz und von Existenz überhaupt.
Schleiermachers Theologie eignet sich hervorragend für Dialoge mit religionskritisch eingestellten Menschen, da sie mit vergleichsweise wenigen Voraussetzungen auskommt. Im Grunde sagt sie aus, dass religiöse Äußerungen auf persönliche Erfahrungen zurückgehen und aus diesen heraus erklärt werden müssen. Wo dies nicht möglich ist, sei der religiöse Wert der Aussage besonders kritisch zu sehen.
Wenn Sie neugierig auf Schleiermacher geworden sind, schauen Sie ein wenig nach Gedenkveranstaltungen oder nach Jubiläumstexten im Internet, sowie auf der Homepage unserer Landeskirche
Viel Freude beim Nachdenken und Suchen,
Ihr Vikar Viktor Weber