Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  27.4.2017 · 20:44 Uhr
   
Andacht
 
Illusion?
April 2017
Auferstanden
Foto: Bernd Kasper

Monatsspruch April:
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“
(Lk 24,5–6)
Es muss schon gute Gründe dafür geben, damit jemand umzieht. Woran man alles denken muss. Wie viel Arbeit das bedeutet. Wie viel Energie das kostet. Wieder neue Gegenden und neue Menschen kennen lernen. Neue Freunde suchen.
Es muss schon richtig gute Gründe dafür geben, damit jemand seinen Arbeitsplatz oder sogar seinen Beruf ändert. Vieles ist neu. Vieles unbekannt. Keine Routinen. Viele Gelegenheiten, Fehler zu machen. Stress.
Und es muss schon unglaublich gute Gründe dafür geben, damit jemand seine bewährten Meinungen oder – und das scheint ja schon fast ausgeschlossen – seine Weltanschauung ändert. Neuland betreten. Ein Risiko wagen. Schmerzhaft zurücklassen, worauf man gebaut hatte. Den eigenen Komfortbereich verlassen.
Das ist anstrengend. Nicht jeder hat jedoch die Zeit und Energie dafür. Das kann er und sie auch gar nicht und auch nicht ständig, denn schon der gewöhnliche Alltag bindet unsere Kräfte. Der Mensch braucht Routine und Erwartungssicherheit.
Wer lernen will, kommt nicht umhin, seinen Komfortbereich zu verlassen, also Mühen auf sich zu nehmen. Dabei hat man was das angeht nur selten freie Wahl. Schließlich ist das Leben voller Veränderungen. Den Jüngeren fallen Veränderungen noch recht leicht.
Der, der noch wenig Neues gesehen hat, begegnet ständig Neuem und ist darin geübt. Aber auch die Älteren kommen nicht umhin, lernen zu müssen. Oft wird das von außen gleichsam aufgezwungen.
Auch den Frauen, die zum Grab Jesu gehen, steht eine neue Lernerfahrung bevor. Sie gehen in Trauer, ohne Hoffnung. Sie tun, was noch zu tun ist. Der Lauf der Dinge nimmt seinen gewohnten Gang. Sie haben ein Problem, für das es keine Lösung gibt, und suchen auch nicht danach. Tot ist tot. Was du nicht ändern kannst, musst du annehmen. Unheilbar krank ist unheilbar krank. Hoffnungslos ist hoffnungslos. Man weiß zu diesem Moment nicht genau, was das eigentlich Schlimme ist: Dass ihr Freund und Rabbi Jesus nicht mehr lebt, oder dass alle Hoffnung dahin ist. Ich hatte letztens über eine kleine Entdeckung gestaunt: Hoffnung kann auf Spanisch „illusión“ heißen. Alle Hoffnung stellte sich für sie als Illusion, als Täuschung heraus, sie sind nun „ent-täuscht“. Das Ende der Hoffnung – das ist ein endgültiges Ende.
Die Frauen am Grabe suchen den Lebenden bei den Toten. Sie rechnen nur mit dem Gewohnten. Sie haben sich verrannt. Ihnen fehlen Ideen, ihnen fehlt Inspiration. Ihnen fällt einfach nichts mehr ein, wie sie ihr Problem lösen könnten. Sie erwarten nichts mehr.
Doch diese Haltung wird durchbrochen. Durch etwas, das sie nicht selbst bestimmen. Durch etwas, das von außen auf sie zutritt. Durch etwas Unerwartetes. Durch etwas, das sich der Kontrolle entzieht. Aus der Hoffnungslosigkeit heraus werden sie förmlich gezwungen, ihren Komfortbereich zu verlassen. Etwas Neues bricht in ihr Leben hinein. Aber anders als man denken mag, führt das Neue, das leere Grab also, nicht sofort zu Freudensprüngen. Zunächst ist da, wie man weiter bei Lukas erfährt, nur Entsetzen, Irritation und Zweifel. Eine Lösung für mein Problem? Was nicht sein darf, kann nicht sein. Erst später erkennen die Jüngerinnen und Jünger Jesu, was geschehen ist: Jesus lebt. Eine neue Perspektive. Eine Neubewertung der Dinge. Für sie hat sich real etwas geändert. Sie haben etwas gelernt, die Hoffnungen waren doch keine Illusionen.
Wenn solche Wunder in unserem Leben geschehen, dann blicken wir auf unseren eigenen Weg zurück und es scheint für die eine oder andere damals so empfundene Ausweglosigkeit zu gelten: Was suchten wir den Lebenden bei den Toten? Wie konnte ich damals den richtigen Weg nicht sehen?
Der Monatsspruch macht Mut, neue Wege auszuprobieren, Mut, entgegen der Ausweglosigkeit mit dem Unerwarteten zu rechnen, und Mut, die Hoffnung nicht zu verlieren. Die Frauen am Grab mussten die Last, die auf ihnen lag, jedoch zunächst selbst tragen, es gab keine Garantie auf Erlösung. Gut für sie, dass sie dabei nicht allein waren. Gut für uns, wenn wir im finstern Tal nicht allein sind. Gut, wenn wir einen Blick für die Menschen in unserem Umfeld haben, die gerade Beistand brauchen.
Ihr Vikar
Viktor Weber