Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  26.6.2017 · 19:24 Uhr
   
Andacht
 
aufrichtig handeln
Juni 2017
an einem steinernen Kreuz
© Rainer Sturm / Pixelio

Monatsspruch Juni:
„Man muss Gott mehr gehorchen
als den Menschen“
(Apostelgeschichte 5,29)
Richtig. Widerspruch zweck- und sinnlos. Wenn Gott spricht, muss der Mensch gehorchen. So einfach und so logisch. Als Kinder sagten wir jedoch immer: „Wenn das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wär’, dann wär’ mein Vater Millionär.“ Genau das ist der Knackpunkt: Es ist oft nicht so ganz genau verständlich, wenn Gott spricht und vor allem was er sagt. War das jetzt Gottes Wort zu mir? Oder doch mein eigener Wunsch? Um solche Fragen zu klären, empfiehlt sich gelegentlich der Gang zu religiösen Spezialisten: zum Vikar, zur Pfarrerin, zum Rabbi, zum Imam oder dergleichen. Aber haben diese Menschen einen direkteren Draht zu Gott als andere? Um so erstaunlicher ist es, gelegentlich auf Menschen zu treffen, die eben dies behaupten: Sie hätten Gottes Willen zweifelsfrei erkannt. Schnell schleicht sich das Gefühl ein, es mit einer extremen Position zu tun zu haben.
Nach dem Willen Gottes fragen, kann heißen: nach richtigem Handeln fragen. Das ist kein spezifisch christliches Anliegen. Jeder Mensch ist mit dieser Frage gesegnet und geplagt zugleich, und zwar immer und immer wieder. Schließlich ist es das Bedürfnis vieler Menschen, beim Rückblick auf sein Leben ein gutes Urteil über sich selbst fällen können. Nur woher die Antwort nehmen? Es wird ja alles auch nicht leichter dadurch, dass eine „richtige“ Handlung zu einer anderen Zeit und Situation eine „falsche“ sein kann. Auf die Forderung, seine Schriften zu widerrufen, reagierte Martin Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms mit den Worten, er widerrufe nicht, wenn er „nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie häufiger geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ Er hätte auch sagen können: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Ein bestimmter Begriff aus diesem Zitat hilft, den Monatsspruch zugänglicher zu machen: das Gewissen. Und zwar das Gewissen, das „gefangen“ ist im Wort Gottes, und somit aber eigentümlich frei wird. Es ist ja nicht so, als würden wir jemals absolute Freiheit genießen, sondern Freiheit ist uns immer in einem bestimmten Rahmen möglich. Für Luther ist der Rahmen durch die Heilige Schrift (und „klare Vernunftgründe“) abgesteckt. Die Grundsätze guten Handelns erkennt er im Evangelium Jesu.
Auf der ganzen Welt erheben sich auch heute Menschen, die ihrem Gewissen folgen. Es geht dabei nicht um Fragen, ob der Tag besser mit oder ohne Kaffee zu beginnen sei, sondern um Fragen nach Gerechtigkeit, Fragen nach einer besseren Welt, Fragen nach dem Reich Gottes. Gewähre ich dem Kriegsflüchtling, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, heimlich Herberge? Decke ich meine Kolleginnen und Kollegen, die die Firma bestehlen? Toleriere ich Schwarzarbeit? Kann ich Soldatin oder Soldat werden? Freilich werden auch solche Fragen unter Christinnen und Christen verschieden beantwortet, denn trotz des gleichen Evange- liums ist jedes Gewissen individuell geprägt.
Zu einfach macht es sich, wer solche Fragen von anderen Autoritäten beantworten lässt. Gerade wir Protestanten sind uns des lutherischen Grundsatzes des „Priestertums aller Gläubigen“ bewusst: alle stehen wir gleich vor Gott. Das ist Gabe und Aufgabe zugleich. Nicht nur bei den ganz großen Fragen, sondern auch im Kleinen.
Ihr Vikar Viktor Weber