Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  20.1.2018 · 15:50 Uhr
   
Gemeindeleben
Berichte
Luther und die Juden
(ein Gemeindeabend)
Eine überfällige Diskussion auch in den Gemeinden
Können Luther und sein Verhältnis zu den Juden heute – noch dazu an einem heißen Sommerabend in den Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft [Deutschland : Polen] – überhaupt einen Menschen zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung locken? Wahrscheinlich war sich nicht einmal der Gastgeber, Pfarrer Kurt Kreibohm, sicher, dass es mehr als einige wenige der ganz Getreuen sein würden. Aber die Stuhlreihen im Gemeindesaal der Evangelischen Gemeinde Zur Heimat waren am 14. Juni 2006 fast bis auf den letzten Platz gefüllt, als zwei engagierte Nachfahren des Reformators das Wort ergriffen. Wolfgang Liebehenschel hatte den Abend angestoßen, weil er es nicht hinnehmen konnte, dass die evangelische Wochenzeitung Die Kirche ausgerechnet zum Reformationsfest 2005 einen Aufmacher zu diesem Thema brachte. Er fürchtete, das Ansehen des großen Mannes könnte Schaden erleiden, ja, vielleicht könnte solch eine Schrift sogar die Auflösung christlicher Körperschaften beschleunigen, da selbst bei vielen Protestanten das Wissen über die geistlichen Grundlagen des Christentums nicht mehr fundiert genug sei, um einen Angriff auf Martin Luther in seinem Verhältnis zu den Juden standzuhalten. Und mit political correctness, die heute so gerne an allen passenden und unpassenden Stellen bemüht wird, hat Luthers Haltung zur Judenfrage nicht viel zu tun.
Aber teilte Martin Luther seine private Ablehnung der Juden nicht mit fast allen Menschen in Europa? Der Hauptreferent, Pfarrer Burckhard Clasen aus Meldorf (Schleswig-Holstein) sah den Artikel in der Kirchenzeitung gelassener. Schließlich ist der Autor Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken selbst Theologe und Leiter des Instituts Kirche und Judentum an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auch die Lutheriden, also die Vereinigung der Nachfahren Luthers, so Burckhard Clasen, müssen zugeben, dass sich Luthers Position gegenüber den Juden in seinen späten Jahren hin zu einem politisch-pragmatischen Anti-Judaismus gewandelt hat. Dabei versucht Clasen, diese veränderte Einstellung erst gar nicht mit Altersstarrsinn zu erklären, sondern durch Luthers Sicht der Dogmen: „Sie müssen sich bekehren“, war seine nie veränderte Grundaussage, wenn es um die Akzeptanz der Juden ging.
Luthers Totenmaske
Zweifellos hat sich Luther zu Beginn der Reformation in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts bemüht, den Juden Brücken zu bauen, die darauf hätten hinauslaufen können, den Juden langfristig die Gleichberechtigung in der christlichen Gesellschaft zu gewähren, freilich erst nach der Taufe. Doch als sich diese Hoffnung nicht erfüllte und die Juden der neu entstehenden evangelischen Kirche fern blieben, wandte sich Luther von ihnen ab und schmähte sie mit denselben harten Worten und Vorwürfen wie die meisten Zeitgenossen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Hinzu kam, dass Luther nicht überprüfbaren Fehlinformationen aufsaß, nach denen mährische Juden erfolgreich Mission gegenüber Christen betrieben und ihre Gebetbücher und der Talmud Verwünschungen gegen Jesus Christus und die Christen enthielten. Der Reformator sah sein Lebenswerk nicht nur von der römisch-katholischen Kirche und radikalen Protestanten bedroht. Jetzt eröffnete sich noch eine neue Front auf Seiten der jüdischen Rabbiner.
Clasens Ausführungen, wie Luthers Haltung zu den Juden in der NS-Zeit von der Bekennenden Kirche und den Nationalsozialisten missbraucht worden sind, gingen zunächst unter, als sich Professor von der Osten-Sacken nun selber zu Wort meldete. Er war gekommen, selber seine in dem Buch "Martin Luther und die Juden" (2001) veröffentlichten Forschungsergebnisse und Thesen zu Luther und den Juden zu verteidigen. Ohne ihn wäre die Aussprache wohl sehr viel blasser geblieben, trotz des herzhaften Engagements vieler Diskussionsteilnehmer. Dabei war das Publikum hochkarätig besetzt. Zahlreiche noch amtierende und emeritierte Pastoren nahmen teil sowie engagierte Gemeindemitglieder und Gäste.
Auch von der Osten-Sacken bestätigte wie in seinem Artikel zum Reformationstag, dass Luther 1523 in für seine Zeit ungewohnt deutlichen Worten für die Juden eingetreten sei, „da Jesus ja ein geborener Jude“ sei. Man habe „törichte Lügen über sie verbreitet, sie ausgegrenzt und ins Abseits gezwungen.“ Doch als sich 1537, also neun Jahre vor seinem Tod, Juden mit einer Bitte um ein gutes Wort beim Fürsten direkt an ihn wenden, lehnt dieser brüsk ab. Dabei hätte das vielleicht der einzige direkte Kontakt Luthers mit Juden in seinem Leben werden können. Wie so viele Menschen im späten Mittelalter kannte er keine Juden in seinem Lebensumfeld.
Die waren aus einzelnen Fürstentümern ganz vertrieben oder lebten ohne Standes- und Bürgerrechte von den normalen Berufen ausgeschlossen bestenfalls in kleinen Ghettos am Rande der Städte oder waren herumziehende Viehhändler, Geldverleiher, damals allgemein Wucherer genannt oder auch Scherenschleifer und Kesselflicker. Von der Osten-Sacken bleibt bei seiner Luther-Kritik: Der große Mann sei zugleich ein Gerechter und ein Sünder gewesen, wie er sich ja auch selber gesehen habe. Dem späten Luther, der wütend Juden diffamierte und Menschen durch Verleumdung zum Glauben zwingen will, von dem kann man sich, so von der Osten-Sacken, nur in klaren Worten trennen. Das sieht auch Burckhard Clasen als Lutheride so. Auch er ist tief betroffen von den acht Forderungen Luthers, mit denen er die absolute Ausgrenzung bis hin zur materiellen Beschädigung und Vertreibung der Juden fordert. Aber lässt Burckhard Clasen hier nicht zu viel Einsicht aus der heutigen Sicht walten? Konnte Luther ahnen, wie der Anti-Judaismus im 19. Jahrhundert in den weit aggressiveren Antisemitismus umschlägt und was gar die Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert daraus machen würden?
Dass die „Deutschen Christen“ Luthers Hetzschriften gegen die Juden zum Zeugnis für ihre Unterstützung des NS-Regimes missbrauchen würden, konnte er nicht ahnen. Ob man so weit wie Burckhard Clasen gehen sollte, der sich wünschte, Luthers Schriften gegen die Juden hätten rechtzeitig verbrannt werden sollen, ehe sie im Dritten Reich zum falschen Alibi für die Vernichtung der Juden mit herhalten mussten, ist die Frage. Wie sagte von der Osten-Sacken: Luther war ein Gerechter und ein Sünder zugleich. Auch seine Juden-Schriften muss man mit dem Allgemeinverständnis seiner Zeit und nicht mit unserem heutigen Wissen deuten. Vielleicht sollte sich die gesamte evangelische Kirche, nicht nur die bayerische, wie er in seinem Reformationsfest-Artikel schreibt, von Luthers antijüdischen Schriften mit klaren Worten trennen. Vielleicht wäre das, um die Gedanken von der Osten-Sackens weiterzuführen, ein Schritt auf dem langen Weg zur Heilung des christlich-jüdischen Verständnisses.
Auch wenn die Diskussion um Luthers Antijudaismus teilweise sehr lebhaft war, zeigt sie deutlich, dass sich kein Protestant deshalb vom lutherischen Glauben abwenden würde. Warum also diese Seite, die nur eine Nuance im Werk des Reformators ist, ausblenden? Eines hat der Abend jedoch deutlich gemacht: eine oder besser mehrere Fortsetzungen sollten folgen, nicht zuletzt, um die Rolle der Evangelischen Kirche in der NS-Zeit aufzuhellen. Das würde dann weiterführen zu Gedanken über das Selbstverständnis evangelischer Christen heute.
Bärbel Riedl, Tel. 845 08 241