Evangelische Kirchengemeinde Zur Heimat
  22.8.2017 · 11:19 Uhr
   
Gemeinde
Chronik
Gemeinde- und Kirchenchronik
Erstmalig herausgegeben vom Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde Zur Heimat zur 20-Jahr-Feier der Kirche am 5. Juni 1977. Aktualisiert und erweitert 1995 und zum 50. Jahrestag der Kircheinweihung am 3. Juni 2007.
Fotos:   Archiv der Gemeinde, Georgios Anastasiades, Photo Kirsch, Kurt Kreibohm, Ludwig Schlottke
Text:   Annemarie Borlinghaus, Textüberarbeitung: Annette Blischke, Kurt Kreibohm, Ludwig Schlottke
Vorgeschichte
Um mit der Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Zur Heimat vertraut zu werden, muss man auch ihre Vorgeschichte kennen. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Bautätigkeit in Zehlendorf südlich der Bahnlinie Berlin-Potsdam so stark, dass man seitens der Paulusgemeinde Zehlendorf nach einem Grundstück Ausschau hielt, um darauf eine Kirche und ein Pfarrhaus zu bauen und somit eine neue Gemeinde in Zehlendorf-Süd zu gründen. Ein geeignetes Grundstück wurde in der Teichstraße – jetzt Leo-Baeck-Straße 6 / 6a / 6b – gegenüber der Einmündung der Leuchtenburgstraße gefunden. Georg Lederer aus Oberschlesien verkaufte es für rund 96.000 Reichsmark. Im Mai 1928 erfolgte die Auflassung vor dem Amtsgericht Lichterfelde.
Die Bebauung des fast 14.000 m2 großen Geländes konnte geplant werden. Leider kam es nicht mehr zur Ausführung. Bei Kriegsbeginn im Herbst 1939 wurden Haus und Grundstück beschlagnahmt, eine SS-Kriegsberichterabteilung errichtete hier 1940 für ihre Zwecke neun Baracken auf dem Gelände. Nach Kriegsende zerstörten und plünderten zunächst Soldaten der Roten Armee einen Teil der Baracken. Nach ihrem Abzug konnte der damalige Pfarrer des Gemeindebezirks, der ehemalige Propst (von Jerusalem) Ernst Rhein, zwei noch stehende Baracken in schnellem Zugriff für den kirchlichen Gebrauch sichern, ehe die Amerikaner im Juli 1945 in Berlin in ihren Sektor einrückten.
Altar in der Kirchbaracke
Altar in der Kirchbaracke Teichstraße (jetzt Leo-Baeck-Straße)
Bereits am Sonntag, 17. Juni 1945, fand im „Großen Saal“ neben dem Haus Heimat 27 der erste Gottesdienst statt. Viele Rosen schmückten den Raum, ein alter Schreibtisch diente als Altar, Gemeindeglieder brachten Stühle und Bänke mit. Aus dem Bestand der Ernst-Moritz-Arndt-Kirche wurden Leuchter, dazu ein Kreuz und das Altarbild, eine Kopie des Isenheimer Altars von Grünewald, gespendet. Noch heute sind diese Gegenstände in der Gemeinde erhalten. Im Gottesdienst wurden die Geräte
Taufkanne und Abendmahlskelch
links: Taufkanne
rechts: Abendmahlskelch von 1857
aus dem „Schweizerhof“
(Dr. Heinrich Laehr)
für Taufe und Abendmahl ihrer Bestimmung übergeben. Unter anderem stiftete ein Gemeindeglied eine silberne Abendmahlskanne. Ein Russe hatte sie gegen eine Kaffeekanne eingetauscht, er war sich des Wertes der Silberkanne nicht bewusst. Noch immer ist sie in der Gemeinde im Gebrauch, jetzt als Taufkanne.
Thema des ersten Gottesdienstes war „Herberge zur Heimat“. Den Predigttext bildeten Verse aus dem Matthäusevangelium Kap. 11, 28-30. Dort heißt es: (Jesus spricht:) „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Man kann heute nur ahnen, was vor dem Hintergrund von erlebter Vernichtung, Verfolgung, Gefangenschaft, Vertreibung, Ausbombung und Angst vor der Zukunft das Wort „Heimat“ im Zusammenhang mit dem Jesus-Wort über die Mühseligen und Beladenen den Menschen bedeutete.
Wo zwischen den beiden Baracken der Fahnenmast der SS gestanden hatte, wurde nun ein großes Holzkreuz errichtet. Zum Gottesdienst rief zunächst einmal ein orientalischer Gong, den Pfarrer Rhein stiftete; dann tat es eine Schiffsglocke. Beide waren den Anforderungen nicht auf Dauer gewachsen, sie zersprangen.
Erst 1948 konnte man daran denken, für eine kleine Glocke zu sammeln. Durch Zufall fand man an der Grenze zu Kleinmachnow im Schutt zwei Bronzestatuen, zwar ohne Köpfe, aber durchaus geeignet, daraus eine Glocke gießen zu lassen. Man erfuhr zwar, dass es sich wohl um gestohlene Gegenstände aus dem Kammergericht Berlin handelte, aber in der ersten Nachkriegszeit nahm man das nicht so genau, die Glocke wurde gegossen, ein hölzernes Glockenturmgestell errichtet, und nun konnte die erste Glocke in Zehlendorf-Süd die Gemeinde zum Gottesdienst rufen.
Die Freude dauerte jedoch nicht lange, denn die Glocke wurde gestohlen. Nach einiger Zeit riefen die Diebe aber persönlich an, um mitzuteilen, wo man die Glocke wiederfinden könnte, nämlich an der Böschung des Teltowkanals! Bis zum Kirchbau 1957 rief sie zum Gottesdienst und ist danach lange in der Sakristei verwahrt worden. Dann trat sie eine weite Reise zu einer Partnergemeinde nach Südafrika an, wo sie seitdem ihren Dienst tut.
Baracken
Kindergarten und Kirchsaal mit Glockenschauer und Kreuz
Während seit 1945 nun in der Kirchbaracke regelmäßig Gottesdienste stattfanden, wurde in der gegenüberliegenden westlichen Baracke ein Kindergarten errichtet, ebenso eine Wärmehalle und eine Nähstube. Viele helfende Hände haben in der ersten Zeit nach dem Krieg dafür gesorgt, dass heimkehrende Soldaten, Flüchtlinge und Kleinkinder betreut wurden. In Zusammenarbeit mit städtischen Stellen gab es Speisungen. Aus alten Uniformen wurden zivile Kleidungsstücke genäht. Für viele Gemeindeglieder wird diese Entwicklung aus kleinsten Anfängen zu lebendiger Aktivität im Gemeindeleben unvergessen bleiben.
Kindergartengruppe
Ein frühes Foto aus dem Kindergarten
Als die Amerikaner im Juli 1945 in West-Berlin einrückten, wollten sie zu den übrigen Baracken auch die mühsam von der Gemeinde eingerichteten Kirchbaracken für sich nutzen. Es entbrannte darum eine harte Auseinandersetzung. Einem amerikanischen Armeegeistlichen war es schließlich zu verdanken, dass man die beiden bisher gemieteten Baracken vom Magistrat für 10.000 Mark käuflich erwerben durfte.
Als das übrige Gelände mit dem Gemeindehaus im September 1946 freigegeben wurde, konnte Pfarrer Ernst Rhein der Kirchlichen Hochschule Räume anbieten. Pastor Martin Fischer, der spätere Professor und Ephorus der Kirchlichen Hochschule, war damals zuständig für die ersten Studenten der Nachkriegszeit. Er war sehr froh über dieses Angebot. Man hatte die Vorlesungen bis dahin nur in Privathäusern abhalten können. Die Situation wurde aber immer schwieriger, denn die Zahl der Studenten wuchs schnell auf über 100 an. Die Gemeinde hat viel zur Schaffung einer Grundlage beigetragen, indem sie die Studenten mit den nötigsten Dingen versorgte. Diese Verbindung zur Kirchlichen Hochschule wirkte sich auch nachbarschaftlich anregend auf das Gemeindeleben aus.
In den drei Räumen der Kirchbaracke baute Diakon Paul Koschnick ab 1947 die „Junge Gemeinde“ auf, die er mit über 12 Altersgruppen und bis zu 150 Jungen und Mädchen der Gemeinde unter Gottes Wort zusammenführte. Diese Junge Gemeinde bestand bis 1958, die Ehemaligen treffen sich regelmäßig heute noch.
Am 7. September 1948 wurde die Aufteilung der Zehlendorfer Paulus-Kirchengemeinde in vier selbstständige Gemeinden (Ernst-Moritz-Arndt, Schlachtensee, Zehlendorf-Süd und Paulus) vollzogen. Nach wie vor blieben sie aber unter einer Verwaltung. Der erste Gemeindebeirat trat in Zehlendorf-Süd 1950 zusammen. Man beschloss, der „Kirchstation an der Teichstraße“, wie sie bis zu dem Zeitpunkt hieß, einen würdigen Namen zu geben. In Anlehnung an die benachbarte Straße Heimat beschloss der Gemeindekirchenrat 1951 den Namen „Kirchengemeinde Zur Heimat“.

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Baracke